Test - FIFA 2004 : FIFA 2004

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Solltet ihr euch für einen indirekten Freistoß entscheiden, wählt ihr eine der vorgegeben Varianten aus - in den Fünfmeter-Raum oder in den Strafraum? Auf den langen oder auf den kurzen Pfosten? - und selektiert dann einen von drei Spielern: Ein Punkt zeigt an, wohin der Ball fliegen wird und ihr müsst diesen Punkt innerhalb weniger Sekunden erreichen. Der Gegenspieler versucht natürlich, euch daran zu hindern. Dieses System beschert 'FIFA 2004' einen deutlich realistischeren Touch, obwohl mit Hünen vom Schlage eines Jan Koller die Chancen auf ein Tor fast zu groß sind. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren übrigens auch Ecken, nur die Option, direkt ein Tor zu erzielen, existiert logischerweise nicht.

Geschlampt haben die Entwickler bedauerlicherweise bei der Kamera: Zwar wechselt diese für die Standard-Situationen in eine günstigere Perspektive, sie bewegt sich jedoch nicht schnell genug auf die normale Ansicht zurück. Gerade bei Freistößen, nach denen der Ball im Spiel bleibt, wäre eine bessere Sicht der Dinge vonnöten gewesen - zumal die Kamera das Geschehen oft auch noch von der Gegenseite zeigt und plötzlich umgedacht werden muss.

Ein weiteres neues Feature ist die so genannte Off-Ball-Control, was von der Idee her zwar gut klingt, aber in seiner Umsetzung nicht verwendbar ist. Wie der Name bereits vermuten lässt, übernehmt ihr per Knopfdruck einen Spieler ohne Ball und steuert ihn in der Hoffnung auf einen guten Pass in den freien Raum. Anstatt jedoch den Spieler in Ballbesitz vom Computer kontrollieren zu lassen, müsst ihr beide Akteure gleichzeitig steuern - mit je einem Analog-Stick. Wie das ein normaler Mensch bewältigen soll, blieb während des Tests schleierhaft.

Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!
Leider bekräftigt 'FIFA 2004' eindrucksvoll das Vorurteil, nach dem Fußball-Spieler, Schiedsrichter und auch Fans nichts im Kopf haben. Beginnen wir mit den Akteuren, so ist vor allem die Torwart-KI zu kritisieren: Bei Flanken und Eckbällen in den Fünfmeter-Raum - die geschütze Zone des Torhüters – weigert sich der virtuelle Keeper des Öfteren, sein Tor zu verlassen, um den Ball abzufangen. Der einköpfende Stürmer freut sich. Auch bei Alleingängen kommt der Torwart viel zu spät aus dem Kasten und darf zum Dank den Ball kurz darauf aus seinem Netz fischen. Im Gegenzug rennt er hin und wieder ohne Bedarf an die Straftraum-Grenze, obwohl keine Gefahr herrscht und mehrere Abwehrspieler noch zwischen ihm und dem Gegner stehen.

Wie im echten Leben mangelt es nicht nur den Spielern, sondern auch den beliebten Schiedsrichtern nicht selten an Souveränität: Vom passiven Abseits scheinen die Mannen in Schwarz noch nie etwas gehört zu haben und auch die Auslegung der Vorteilsregel hat EA Sports vor einigen Jahren schon besser gelöst.

Vollendet wird dieser Schwachpunkt schließlich von den Fans, die zwar mit originalgetreuen Gesängen aufwarten, aber diese zu den unpassendsten Momenten bringen - welche Heimfans singen schon beim Stande von 0:1 nach rund zehn Minuten: 'Ihr könnt nach Hause fahren'? Natürlich kann von den Entwicklern nicht verlangt werden, jedes Soundfile auf seine tatsächliche Funktion hin ins Spiel zu integrieren; ein kleiner Atmosphäre-Bruch tritt trotzdem auf.

Schon so alt und noch immer nicht erwachsen
Rund zehn Jahre nach seiner allerersten Version krankt die 'FIFA'-Reihe noch immer an vermeidbaren Mängeln: Die Ball-Physik dürfte auch in der 2004er-Ausgabe einer der Hauptkritikpunkte sein. Überzieht ihr die Schuss-Leiste ein wenig, fliegt das Spiel-Gerät schneller, als das Auge blicken kann. Und trotz aller Beteuerungen seitens der Entwickler klebt der Ball dem Spieler noch immer auf eine unnatürliche Art am Fuß: Wie schon seit 'FIFA Soccer 96' bekannt, wird der Ball nicht als eigenständiges Spiel-Element behandelt, sondern muss augenscheinlich immer einem der 22 Akteure zugesprochen werden. Dieses seltsame Meisterwerk der Programmier-Kunst hat zur Folge, dass ihr manchmal verzweifelt den Ball direkt vor euren Füßen habt, aber schlicht und ergreifend nichts mit ihm anfangen könnt, da der mehrere Meter entfernt stehende Gegner 'offiziell' noch im Besitz des runden Leders ist. Bevor EA Sports es nicht schafft, diesen schwerwiegenden Fehler endlich auszumerzen, wird die Reihe in Sachen Realismus nur langsame Fortschritte machen können.

Auch die Funktionsweise der Animationen ist noch nicht das Gelbe vom Ei: Zwar sind viele Handlungen wie Dribblings, Trikotziehen und Schubser schön anzuschauen - wenn diese Animationen aber den Spielfluss hemmen, weil sich Aktionen nur mit spürbarer Verzögerung ausführen lassen, schießt das Spiel eindeutig über sein Ziel hinaus.

Abschließend sei noch ein kurzes Wort zur Grafik verloren. Viel lässt sich nicht sagen, denn im Großen und Ganzen hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum etwas getan. Das hat den Vorteil, dass 'FIFA 2004' auch auf schwächeren Rechner noch gut läuft, andererseits aber den Nachteil, dass vor allem die Texturen außerordentlich matschig aussehen. Zudem wirken die Skins der Spieler wie aus überbelichteten Fotos zusammengekleistert - der Wiedererkennungswert tendiert daher bei der Mehrheit der Akteure gegen null. Die Animationen sind, wie bereits erwähnt, wieder einmal gut gelungen und auch die Stadien fühlen sich nach wie vor beinahe lebensecht an.

Zur Qualität der deutschen Sprach-Ausgabe können wir anhand unserer englischen Review-Version leider keine Angaben machen, wobei aber davon auszugehen ist, dass sie sich auf dem gleichen, hohen Niveau wie im Vorjahr bewegt.

Ebenfalls nicht beurteilen ließen sich bislang mangels Teilnehmern die verbesserten Online-Funktionen, welche Electronic Arts anbieten wird. Unter anderem könnt ihr an Turnieren teilnehmen, eure Statistiken verbessern und ähnlich dem battle.net in einer Rangliste aufsteigen.

 

Fazit

von Fabian Walden
'FIFA 2004' ist kein realistisches Fußball-Spiel, aber auch kein reiner Aracade-Titel mehr. Das macht dem Programm in diesem Jahr zu schaffen: Es ist weder Fisch noch Fleisch. Natürlich motivieren einige der neuen Features und natürlich ist auch die 2004er-Ausgabe kein schlechtes Spiel. Aber der richtige Spaß kommt dieses Mal nur im Multiplayer-Modus auf, wenn man zu zweit vor dem PC sitzt und seine Mannschaft oder den Schiedsrichter anbrüllen kann. Für Einzelspieler stören vor allem die Macken der KI auf Dauer doch zu sehr.

Überblick

Pro

  • gelungene Präsentation
  • motivierender Karriere-Modus
  • gutes System für Standard-Situationen
  • packende Multiplayer-Matches an einem PC

Contra

  • Grafik durchwachsen
  • Off-Ball-Control misslungen
  • grobe KI-Mängel
  • nur im Multiplayer abwechslungsreich
  • altbekannte 'FIFA'-Schnitzer

Wertung

  • PC
    80
    %

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