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Test - Alone in the Dark : Test: Ich mag dieses Horror-Spiel lieber, als ich vermutlich sollte

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Das Original von Alone in the Dark erschien vor nunmehr 30 Jahren und lieferte seinerzeit die Blaupause für das erste Resident Evil. Doch während die japanische Zombie-Reihe das Survival-Horror-Genre zur weltweiten Erfolgsformel erklärte, näherte sich der Urvater mit jedem der insgesamt vier Teile zunehmend seinem Verfallsdatum. Der Film von Uwe Boll fügte der Marke nachhaltigen Schaden zu (IMDb-Wertung: 2,4/10), und ein Reboot-Versuch 2008 scheiterte an unzureichender Technik. Nun setzt Publisher THQ Nordic den Defibrillator zur Wiederbelebung an.

Klären wir eingangs eine Formalie, die womöglich so manchem noch unklar ist: Beim neuen Alone in the Dark handelt es sich um kein Remake des Originals, sondern um ein Reboot, das sich beim Setting und der Handlung grob am ersten und zweiten Teil der Reihe orientiert, inhaltlich aber in jederlei Hinsicht komplett neu ausfällt.

Wie im allerersten Teil entscheidet ihr euch zu Beginn für einen wahlweise männlichen oder weiblichen Protagonisten: den bärbeißigen Privatdetektiv Edward Carnby, der auf übersinnliche Phänomene spezialisiert ist, oder die forsche Emily Hartwood, die als Angehörige der Auftraggeber selbst in die verhängnisvollen Geschehnisse verstrickt ist.

Bereits am hochwertigen Produktionsaufwand, den THQ dafür betrieben hat, zeigt sich, wie ernst es dem Publisher damit ist, der altgedienten Marke neues Leben einzuhauchen. Denn die beiden Hauptcharaktere werden von den Hollywood-Schauspielern David Harbour (Stranger Things) und Jodie Comer (Killing Eve) verkörpert, deren Gesichtszüge und Mimik deutlich in Erscheinung treten und dem Schauspiel eine eindrückliche Note verleihen.

Doch die Wahl der Spielfigur erschöpft sich nicht bloß in der Frage des Geschlechts, sie hinterlässt auch im Spielverlauf ihre Spuren. Zwar laufen 90 Prozent des Spielgeschehens zwischen den beiden Charakteren weitgehend identisch ab, sämtliche Zwischensequenzen fallen aber unterschiedlich aus und erhalten durch die verschiedenen Persönlichkeiten der beiden eine interessante abweichende Perspektive und Färbung: er, ein zynischer Haudegen, der in der Lösung des Falls eine Chance sieht, sein von Alkohol und Schicksalsschlägen zerrüttetes Leben wieder in den Griff zu kriegen; sie, eine besorgte Familienangehörige, deren Leben unmittelbar von den schrecklichen Geheimnissen betroffen ist, die sich enthüllen.

Ein wichtiges Kapitel gegen Ende des Spiels, das jedes für sich einen wichtigen Story-Twist für den jeweiligen Charakter enthält, ist sogar exklusiv dem jeweiligen Spieldurchlauf vorbehalten, was vielleicht nicht unbedingt zum erneuten Durchspielen zwingt, aber zumindest einen nicht völlig sinnlosen Anlass dazu bietet.

Atmosphärischer Grusel zwischen Spukschloss und Film noir

Zu Beginn des Spiels treffen die beiden am unheimlichen Anwesen Derceto ein, von wo aus Emily Hartwood ein Hilferuf ihres Onkels ereilte, der die dunkle Präsenz des „Schattenmannes“ von sich Besitz ergreifen spürt. Seit einiger Zeit scheint sich eine rätselhafte Verderbnis in der Villa auszubreiten, ihre Bewohner in den Wahnsinn zu treiben und den Ort empfänglich für das Eindringen übersinnlicher Schrecken aus dunklen Dimensionen zu machen. Wenngleich ihr in der Rolle eines der beiden Charaktere die meiste Zeit über allein im Dunkeln unterwegs seid, wie es der Spieletitel nahelegt, begegnen sich die beiden regelmäßig in Zwischensequenzen wieder, um ihre Ermittlungserkenntnisse auszutauschen und das weitere Vorgehen zu besprechen.

Und so erkunden wir eben allein im Dunkeln dieses düstere Spukschloss: wandeln durch düstere Gänge, hören das Knarzen der Dielen beim jedem Schritt und suchen nach Schlüsseln, um damit Türen und Abkürzungen aufzuschließen und uns so nach und nach das Haus zu erschließen – entfernt vergleichbar mit der Polizeiwache in Resident Evil 2, nur über mehrere Stockwerke verteilt.

Im Gegensatz zu diesem ist Alone in the Dark aber vordergründig kein Actionspiel. Zwar finden auch regelmäßige Kämpfe gegen Monster statt – dazu kommen wir später –, die meiste Zeit aber lässt sich das Spiel eher dem Genre der Adventures zuordnen. Wir durchstöbern die Zimmer der illustren Familienmitglieder nach Schriftstücken, um verschlüsselte Hinweise auf Tresorkombinationen zu finden oder die üblichen Antiquitäten, die irgendwo eingestöpselt einen Mechanismus in Gang setzen. Auffällig häufig lösen wir Puzzlespiele, bei denen Kacheln mit Sternbildern oder zerschnittene Röntgenaufnahmen zusammengesetzt werden müssen und die im Vergleich zu ihren Artverwandten aus anderen Spielen tatsächlich mal angenehm knifflig ausfallen können.

Da sich das Reboot aber nicht nur am ersten, sondern auch am zweiten Teil der Originalserie orientiert, bleiben wir nicht allzu lange an einem Ort. Schon bald gelangen wir nämlich in Besitz eines magischen Talismans, der uns regelmäßig und völlig unversehens an ferne und gänzlich unterschiedliche Schauplätze versetzt, die mit den unheimlichen Vorgängen in der Villa in Zusammenhang stehen. Alone in the Dark inszeniert diese Übergänge mitunter höchst geschickt und überraschend, wenn wir etwa über eine Türschwelle stolpern und uns plötzlich auf einem nostalgischen Raddampfer wiederfinden oder vor unseren Augen ein Sumpf aus dem Boden des Foyers erwächst, der uns wie den Jungen im Reich der Wilden Kerlen ins Umland von New Orleans entführt.

Einen Großteil seiner besonderen Faszination bezieht Alone in the Dark aus der verwunschenen, geradezu magischen Stimmung seiner Schauplätze: Den nebelverhangenen Sümpfen des Bayou haftet auch ohne übersinnlichen Schrecken schon per se etwas Gespenstisches an, die von alten Gaslaternen nur schummrig illuminierten Kopfstein-Gässchen des French Quarters saugen geradezu in diese Atmosphäre von Voodoo-Mystizismus, Ritualmorden und zügellosem Jazz, und dem düsteren Gemäuer des Anwesens von Derceto scheint wie in Edgar Allen Poes Der Fall des Hauses Usher ein unheiliges Eigenleben innezuwohnen.

Zudem gehen die schwedischen Entwickler von Pieces Interactive beispielhaft liebevoll, geradezu ehrfürchtig mit dem Erbe des Originalspiels um. Eben weil sich die Geschichte nur vage an der Vorlage orientiert, fangen sie dessen Geist in subtilen Anspielungen ein, die sich nicht als aufdringlicher Fan-Service permanent um Applaus buhlend auf die Brust schlagen, sondern stellenweise nur von leidenschaftlichen Fans überhaupt bemerkt werden dürften: am ehesten noch die Schlinge auf dem Dachboden oder die kurze Szene im Ballsaal, die Erinnerungen an ikonische Momente des Urspiels wecken.

Doch die Macher schrecken selbst vor dezenten Andeutungen auf die damaligen Querelen um die Cthulhu-Lizenz nicht zurück oder spielen gar auf das heutzutage nahezu unbekannte Adventurespiel Prisoner of Ice an, das ebenfalls dem Œevre des damaligen Entwicklerstudios Infogrames entstammt. Und dann ist da diese zauberhafte Hommage an die Ursprünge des Survival-Horror-Genres gegen Ende, die jeder Fan verstehen wird, die ich euch aber auf keinen Fall verderben will, indem ich zu viel verrate.

Alone in the Dark ist ein Spiel, das vor allem von seiner Atmosphäre und dem Reiz lebt, die Geheimnisse zu enthüllen, die in den Ritzen und Wänden dieses unheimlichen Gemäuers nisten. Geschickt entwirft es dabei eine ständige Anspannung durch subtil eingesetzte Geräusche wie das ferne Knarzen von Türen oder das Kreischen der Raben, sowie bedrohliche Kulissen, die charmant altmodische Spukschloss-Stimmung zwischen Spinnweben, wehenden Vorhängen und Lichtstrahlen durchs Gebälk aufkommen lassen, ohne dabei die Angst in unerträgliche Ausmaße zu steigern, die es beim Spielen nach Einbruch der Dunkelheit zur Mutprobe werden ließe. Alone in the Dark ist kein Spiel, das euch das Fürchten lehren möchte, sondern das eure Nervenstränge in einem stets angenehmen Spannungsverhältnis vertäut wissen will.

Wo Dunkelheit ist, ist auch Schatten

Gleichsam ist dem Spiel deutlich die Unerfahrenheit seiner Entwickler anzumerken, die neben einer Reihe weitgehend unbekannter Handyspiele allenfalls für Magicka 2 sowie zwei Add-ons zum Hack-n-Slay-Oldie Titan Quest in Erscheinung traten. Vor allem das Kampfsystem fordert dem Spieler Einiges an Leidensbereitschaft ab: eine störrische Kamera, ungelenke Bewegungen des Charakters, fummeliges Anvisieren und eine mitunter haarsträubende Gegner-KI sorgen nach jeder Actionszene für Erleichterung, dass sie wieder vorbei ist. Manche Spielmechanik wie das Werfen von herumliegenden Gegenständen ergibt auf kuriose Weise keinerlei Sinn.

Zum Glück nehmen sie im Gesamterlebnis der verhältnismäßig kurzen 8 Stunden Spielzeit ohnehin nur einen ungewöhnlich kleinen Anteil ein und fallen auf dem unteren Schwierigkeitsgrad leicht genug aus, um lediglich als kleines Stottern im Spielablauf, aber nicht als schwerwiegende Störung wahrgenommen zu werden. Wer nicht leidenschaftlich die Herausforderung sucht, dem empfehle ich daher von Anfang an auf einfache Schwierigkeit zu schalten – dann macht das Spiel auch Spaß und erspart euch Frust.

Auch den Bosskämpfen muss man schon eine gewisse Bereitschaft zum Wohlwollen entgegen bringen, um nicht dem Spott über handwerkliche Unzulänglichkeiten im Spieldesign und seiner Umsetzung zu verfallen. Was bedrohlich, mystisch oder schlicht spektakulär gedacht ist, wirkt eher plump erdacht und dilettantisch umgesetzt. Doch auch hier gilt: Augen zu und durch. Solche Szenen sind wie die Schlaglöcher auf einer Straße: holprig, unschön, aber auch selten und schnell wieder vorbei. Man muss sich dann aber auch im Klaren sein, dass man Alone in the Dark eher mit der Erwartung an ein Adventurespiel mit gelegentlichen Action-Einstreuseln gegenübertreten sollte und nicht mit der an ein Survival-Horror-Actionspiel wie Resident Evil.

Denn da knirscht noch so manch anderes im Gameplay-Gebälk des Grusel-Gemäuers: Unsere PC-Version war zum Testzeitpunkt bis an den Rand der Unspielbarkeit verbuggt. Die meisten Probleme sind den Entwicklern bekannt und sollen bis zum Release behoben sein, was wir aber nur noch bedingt nachprüfen konnten. Einige schwerwiegende Bugs scheinen ausgemerzt, dafür sind aber auch neue hinzugekommen. Die PS5-Version, auf der dieser Test hauptsächlich basiert, lief bis auf wenige Kleinigkeiten deutlich runder, wies aber nach dem Day 1 Patch neue kuriose Fehler und sogar einen Gamebreaker kurz gegen Ende auf.

Und so angenehm ich den Spielfluss der Rätsel austariert zwischen fordernd, aber nie behindernd empfand, so muss ihnen angesichts der ständigen Puzzle und Dechiffrieraufgaben doch bei genauerer Betrachtung mangelnde Raffinesse und Abwechslung attestiert werden. Der Geschichte gelingt es zwar effektiv, die Neugier stets aufrecht zu erhalten, allerdings wird sie so konfus und sprunghaft erzählt, dass ich ehrlich gesagt nicht ansatzweise verstehe, wie die einzelnen Familienmitglieder, denen man hin und wieder begegnet, nun eigentlich in die ganzen Vorfälle verstrickt sind und was da nun genau vor sich geht. Also eigentlich überhaupt nicht. So absolut null. Das Ende zudem dürfte so manchen Spieler enttäuschen und offenbart in seiner Banalität endgültig den vorherrschenden B-Movie-Charakter des Spiels.

Alone in the Dark - The Dark Road to Derceto Trailer

Kurz vor dem Release gibt es mit "The Dark Road to Derceto" noch einmal einen neuen Trailer zu Alone in the Dark.

Aber letztlich ist mir das alles erstaunlich egal. Denn trotz all seiner großen und kleinen Macken, mag ich dieses Alone in the Dark irgendwie. Weil es etwas hat, das den meisten Möchtegern-Horror-Spielen dieser Art fehlt: Alone in the Dark hat spürbar Herz und Seele. Mit Sicherheit wird es Leute geben, die komplett anderer Meinung sind, mit Sicherheit werden Viele lediglich Spott und Verachtung dafür übrig haben, aber in gewissen Punkten mochte ich dieses vermeintliche hässliche Entlein mehr als den angeblich schönen Schwan Resident Evil, dessen Kämpfe ebenfalls recht plump und stumpfsinnig auftreten, wenn man mal ehrlich ist, dessen Rätsel reichlich spröde und konstruiert ausfallen und dessen Geschichte sich lediglich in der maßlosen Übertreibung hanebüchenen Zombie-Unsinns selbst zu übertrumpfen sucht.

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An Alone in the Dark schätze ich hingegen seine einzigartige Stimmung, diese Mischung aus charmant altmodischem Spukhaus-Grusel, dem hypnotisch flirrenden Ambiente seines New-Orleans-Settings, den liebevollen 20er-Jahre-Film-noir-Anleihen, dem zum Niederknien lässigen Jazz-Soundtrack, dem angenehmen, spannend entspannten Spielfluss, der generell durchweg hochwertigen Produktionsqualität und der erkennbaren Liebe seiner Entwickler zu einem Klassiker der Spielegeschichte, dem sie mit viel Respekt und Wertschätzung die Ehre erweisen.

Vor seinen Macken muss man zweifellos die Augen schließen. Aber schließlich sagte schon der kleine Prinz: man sieht nur mit dem Herzen gut.

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