Test - Assassin's Creed Odyssey: Legacy of the First Blade 2 : Ubisofts Antwort auf Red Dead Redemption

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Weiter geht’s: Unermüdlich lässt Ubisoft neue Content-Begleitboote für sein Flaggschiff Assassin's Creed Odyssey vom Stapel laufen. Die zweite Episode „Schattenerbe“ aus dem ersten kostenpflichtigen DLC setzt die Geschichte von Alexios' bzw. Kassandras Kampf gegen den Orden der Ältesten fort, legt den Fokus etwas mehr auf Seeschlachten und obwohl er natürlich in den drei bis fünf Stunden Spielzeit in erster Linie mehr vom Gleichen auffährt, das Spieler des Hauptspiels nun schon zur Genüge kennen, überrascht die Erweiterung mit ein paar Entwicklungen, die so sicherlich niemand erwartet hätte …

Braucht die Welt wirklich noch mehr Assassin's Creed Odyssey?

Beginnen wir mal etwas ungewohnt mit einer Frage an dich, lieber Leser: Mal ehrlich, braucht irgendjemand wirklich diese DLCs zu Assassin's Creed Odyssey? Vor allem der erste Teil, Legacy of the First Blade, der ja noch nicht einmal ein neues Gebiet auffährt, sondern lediglich ein paar neue Missionen über derselben Spielwelt ausschüttet, die man im Hauptspiel schon mehr als ausgiebig bereist hat, wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein fauler Lückenfüller bis zum zweiten (voraussichtlich) deutlich größeren DLC, der die Geschichte um Atlantis fortführen soll. Als ich jedenfalls nach etwa 80 Stunden mit der Story durch war, alle Nebenmissionen erfüllt hatte und die Platin-Trophäe auf dem Bildschirm aufpoppte, war der letzte Gedanke, der mir in den Sinn gekommen wäre: „Cool, und jetzt bitte noch mehr davon.“

Wenn ich mir die Statistik so anschaue, hat nicht einmal ein Viertel der Spieler bis jetzt überhaupt die Story durchgespielt. Nur die Hälfte sind bis Kapitel 4 von 9 gekommen, und lediglich jeder Zehnte beschäftigt sich darüber hinaus intensiv mit den Nebenmissionen. Es sollten also die meisten noch genug zu tun haben – warum also nochmal Geld für etwas ausgeben, von dem man doch eigentlich schon reichlich hat? Wenn der Teller noch halb voll ist, bestelle ich doch auch nicht schon den Nachschlag.

Zumal Legacy of the First Blade lediglich die Bestandteile des Hauptspiels in kleinerer Ausführung dupliziert: Die Spielwelt ist die gleiche (laut Statistik haben nur mickrige 4% der Spieler sie überhaupt vollständig bereist), es gibt noch mehr Kultisten (nur 16% haben alle 42 aus dem Hauptspiel aufgespürt und besiegt) und die Missionsabläufe sind ebenfalls die gleichen, wie sie 95% der Spieler noch in ausreichender Menge vor sich haben. Unnötig, lieblos, überflüssig, lautete daher mein Eindruck von der ersten Episode von Legacy of the First Blade. Doch Episode 2 nimmt auf einmal eine Wendung, die ich nicht erwartet hätte und die ihr weit mehr als nur eine Existenzberechtigung verleiht …

Assassine gegen Todessstern

Noch immer sind Alexios bzw. Kassandra auf der Jagd nach dem Orden, der in der ersten Episode als neuer Widersacher eingeführt wurde. Diesmal findet sie in einem Gebiet am nördlichen Peloponnes statt, in Sichtweite der Heimat Kephallenia, und dreht sich um einen mächtigen Ältesten, der die dortige See unsicher macht und an einer Superwaffe arbeitet, die ähnlich wie der Todesstern des Imperiums seinen Feinden das Fürchten lehren soll: ein gigantischer Flammenwerfer, der gegnerische Schiffe in Windeseile abfackelt. Dessen Bau gilt es selbstverständlich zu verhindern.

Für seine drei bis fünf Stunden Spielzeit führt der DLC alles auf, was man davon erwartet: Der Fokus liegt dieses Mal etwas mehr auf den Seeschlachten, es gibt fünf neue Kultisten (statt sieben wie in Episode 1), die es aufzuspüren und zu meucheln gilt, mehr und stärkere Söldner, und eine neue Fähigkeit, mit der sich Pfeile im Schnellfeuer verschießen lassen.

Ubisofts Antwort auf Red Dead Redemption

Seit der Veröffentlichung des Hauptspiels von Assassin's Creed Odyssey ist eine Weile vergangen. In der Zwischenzeit ist eine Menge, vor allem: Red Dead Redemption 2, passiert. Es ist quasi unmöglich, über Assassin's Creed oder jedes andere Open-World-Spiel der Gegenwart zu sprechen, ohne es im Lichte des Rockstar-Leuchtfeuers am Genre-Himmel zu betrachten.

Das Erste, das in dieser Hinsicht sofort auffällt, ist, wie viel schlechter, ja, für Red-Dead-verwöhnte Augen geradezu hässlich dieses Spiel aussieht, das vor wenigen Monaten bei uns noch einen Grafik-Award bekam. So schnell können sich die Zeiten ändern. Auch dass etliche kleine Fehlerchen wie gelegentliche Aussetzer und die langen Ladezeiten in der Zwischenzeit nicht behoben wurden, mutet angesichts der durchgepolishten Rockstar-Perfektion nicht mehr zeitgemäß an. Ubisoft muss für künftige Spiele aufpassen, nicht zu sehr ins Hintertreffen zu geraten.

Gleichzeitig weiß man aber die Ubisoft-typische Zugänglichkeit umso mehr zu schätzen: Wo Red Dead mit seiner trantütigen Steuerung nervte und den Spieler wegen fehlender Schnellreise-Funktion mit endlosen Ritten durch die Pampa gängelte, fühlt sich die Rückkehr zu Assassin's Creed von der ersten Sekunde wie ein Videospiel an, das voll und ganz auf Spielbarkeit getrimmt oder anders gesagt: FÜR den Spieler und nicht mitunter gegen ihn entwickelt wurde.

Wie ein Kurzurlaub in Griechenland

Insbesondere Ubisofts zunächst etwas seltsam anmutende Veröffentlichungspolitik in Häppchen als einzelne Episoden kommt einem als Assassin's-Creed-Spieler entgegen, der man von der schier unermesslichen Content-Wucht des Hauptspiels regelrecht erschlagen wurde.

Geradezu als Wohltat fühlt es sich an zu wissen, dass man nicht erneut die nächsten Wochen mit dem Abhaken von Fragezeichen beschäftigt sein wird, sondern nach einem gemütlichen Abend alles wieder vorbei ist. Sogar dass Ubisoft ziemlich faul einfach die Spielwelt des Hauptspiels zweitverwertet, stört mich weniger als erwartet, da diese ohnehin schon groß genug war und noch genügend unentdeckte Regionen enthält. In diesem Sinne kam mir die Rückkehr ins sonnige Griechenland wie ein wohliger Kurzurlaub in das Ferienhaus vor, in das man schon seit Jahren regelmäßig einkehrt, wenn es draußen kälter wird. Allein die bestens vertraute Musik im Hauptmenü nach einiger Zeit wieder zu hören, fühlte sich an, als wenn auf einer 90er-Party plötzlich das längst vergessene Lieblingslied der damaligen Ära läuft und den Kopf mit Erinnerungen flutet.

Auch die zahlreichen kurzen Gratis-DLCs, die seit Release erschienen sind und noch weit darüber hinaus erscheinen werden, passen gut in dieses Konzept. Spielerisch bieten sie nichts Besonderes, dauern aber jeweils nur etwa zwei Stunden und erzählen kleine hübsche Episoden, die den epischen Rahmen des Haupterzählstrangs angenehm unspektakulär kontrastieren: zuletzt etwa eine drollige Assassin's-Creed-Variante der „Glorreichen Sieben“-Handlung oder eine Geschichte über ein Dorf, dessen Bewohner Alexios/Kassandra als Gott/Göttin verehren.

Assassin's Creed: Odyssey - Das Vermächtnis der ersten Klinge DLC Episode #2 Trailer
Mit "Schattenerbe" ist ab sofort der zweite DLC der Story-Reihe zu Assassin's Creed: Odyssey erhältlich.

Eine unerwartete Wendung

Was der zweiten „Legacy of the First Blade“-Episode aber endgültig ihre Daseinsberechtigung verleiht, ist eine Wendung, die zwar ganz offensichtlich von einem anderen großen Open-World-Spiel inspiriert wurde und auf die ich aus Spoiler-Gründen hier leider nicht weiter eingehen kann, die aber nochmal ein völlig neues und vor allem sehr persönliches Kapitel für Alexios/Kassandra aufschlägt und einen spannenden Kurs für die kommenden Episoden setzt.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das nach nunmehr über 95 Stunden mit Assassin's Creed Odyssey einmal sagen würde, aber: Ich freue mich jetzt schon darauf.

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