Test - Leisure Suit Larry: Wet Dreams Don't Dry : Wie in versauten alten Zeiten

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Anno 1987 gab es ein Spiel, das wirklich jeder PC-Besitzer gespielt hat: Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards. Zu verlockend war die Aussicht, mit einer 38-jährigen männlichen Jungfrau durch eine kleine, verruchte Pixelwelt zu ziehen und Frauen aufzureißen. Larry wurde schnell zum Kult, weshalb einige Fortsetzungen folgten. Die letzten beiden mit dem Untertitel Magna Cum Laude beziehungsweise Box Office Bust kamen allerdings nicht besonders gut bei den Fans an. Wohl aus diesem Grunde zieht Entwickler CrazyBunch die Reißleine und tut einfach so, als ob es die Nachfolger nie gegeben hätte.

Man könnte es als den längsten Hangover in der Geschichte der Videospiele bezeichnen: Larry wacht in einem dunklen Raum auf, aktiviert einen Fahrstuhl und landet vor seiner geliebten Stammkneipe. Doch darin folgt sogleich der Schock seines Lebens: Der alte Schwerenöter aus dem Jahre 1987 ist aus unerklärlichen Gründen im 21. Jahrhundert gelandet! Er kennt sich weder mit Selfies, noch mit Smartphones oder dem Internet aus und hat sichtlich Probleme, der hippen Sprache von heute zu folgen.

Wie in versauten alten Zeiten

Doch das hindert ihn natürlich nicht daran, sich mit all dem modernen Schnickschnack auseinanderzusetzen und ihn zu nutzen, um Frauen rumzukriegen. Ergo besorgt er sich flugs so ein Smartphone-Dingens und installiert die sogenannte Timber-App, die ihn bei seinen Eroberungsversuchen unterstützen soll.

Der Plotaufhänger ist simpel und eigentlich clever, weil er den klassisch versauten Larry, der traditionell nur an das Eine denkt, gekonnt in den heutigen Zeitgeist verfrachtet. Leider greift Entwickler CrazyBunch auch bei einigen der anderen Charaktere tief in die Kiste sexistisch altmodischer Klischees. Wundert euch also nicht, wenn in diesem Spiel selbst die emanzipierteste Frau gleich rattig wird, nur weil ihr irgendeinen Job für sie erledigt oder ein nerdiges Kostüm tragt.

Wir wollen diesen Ansatz wohlgemerkt nicht komplett verteufeln, ganz im Gegenteil. Die Dialoge und die Charaktere sind schön platt, weshalb man sich regelmäßig dabei ertappt, wie man über einen schlechten Wortwitz kichert oder über eine hohle Phrase schmunzelt. Es entsteht der altbekannte Hit-and-miss-Humor, den insbesondere die alten Serienteile zum Kult gemacht haben. Ihr solltet euch nur eben im Klaren sein, dass der Witz nichts mit der Realität zu tun hat und gezielt über die Stränge schlägt.

Harter Stoff

Zudem müsst ihr ein paar wirklich eklige Situationen überstehen, in denen ihr beispielsweise einem Techniknerd ein gebrauchtes Unterhöschen besorgen sollt. Letztlich präsentiert ihr ihm ein Stück, das nicht nur getragen, sondern überdies das Opfer einer schweren Diarrhö ist ...

Merkwürdigerweise konfrontieren euch die Entwickler kurz vor Ende der Geschichte mit einer fragwürdigen Traumsequenz, die inhaltlich völlig aus der Bahn gerät und sicherlich die Meinungen der Spieler spalten wird. Wir vermuten dahinter eine Antwort auf den aktuellen MeToo-Vormarsch und die Frage, ob ein Spiel wie Leisure Suit Larry heute überhaupt noch existieren “darf“. Allerdings wirkt die Botschaft im Kontext der Geschichte unverhältnismäßig seriös und deshalb deplatziert.

Der logischste Larry aller Zeiten

Ansonsten müssen wir die Fans der alten Larry-Titel in einer Hinsicht bitter “enttäuschen“: Die Qualität des Rätseldesigns hat rein gar nichts mit der abenteuerlichen Logik der alten Sierra-Titel gemein und gehört ganz im Gegenteil zum Besten, was wir die letzten zehn Jahre zu Gesicht bekommen haben. Es lebt vornehmlich von clever gestalteten Objektkombinationen, in denen ihr das eine Mal total plump geradeaus und das andere Mal dann wieder um ein bis zwei Ecken denken müsst.

Wohlgemerkt: Die besten Rätsel sind nicht direkt logisch beziehungsweise würden in der Realität keinen Sinn ergeben. Jedoch funktionieren sie im Rahmen der gegebenen Spielwelt und machen gerade deshalb so viel Spaß, weil ihre Ideen herrlich bescheuert sind. Gleichzeitig ist keine der verlangten Aufgaben frustrierend abstrus, weshalb ihr einerseits fleißig grübeln müsst und andererseits ein freudiges Erfolgserlebnis nach dem anderen habt.

Zurück in Lefty's Bar - Video-Review zu Leisure Suit Larry: Wet Dreams Don't Dry
Neun Jahre nach dem missratenen Box Office Bust möchte Entwickler CrazyBunch der Kultfigur Larry neues Leben einhauchen.

Außerordentlich gelungen sind vor allem die ersten beiden Spieldrittel, weil ihr dort parallel mehrere Frauen (und einen Mann ...) erobern sollt. Deren Geschichten verlaufen prinzipiell unabhängig voneinander. Jedoch fehlt euch ab und an ein wichtiger Gegenstand, den ihr erst über eine der anderen Damen erhaltet. So springt ihr ganz natürlich zwischen den verschiedenen Plotsträngen hin und her und fühlt euch trotzdem niemals überfordert.

Wet Dreams Don't Dry geht erst im letzten Drittel sichtlich die Puste aus: Zunächst mehren sich die Situationen, in denen ihr lediglich zwischen zwei Orten hin und her springt und kaum noch ins Grübeln geratet. Am Ende landet ihr in einem komplett neuen Gebiet, das arg klein geraten ist und dessen finale Auflösung überhastet wirkt.

Gekonnte Aufmachung und Präsentation

Technisch gibt es am neuen Leisure Suit Larry kaum etwas auszusetzen. Die Grafik ist hübsch gezeichnet, die Animationen sind solide und der Sound profitiert von einer anständigen deutschen Sprachausgabe. Man merkt zwar, dass die Synchronsprecher nicht zur Crème de la Crème der hiesigen Schauspielkunst gehören. Aber unterm Strich leisten sie gute Arbeit und sorgen dafür, dass der bewusst platte Humor zündet.

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