Preview - Nioh 2 : Drei Punkte, die uns begeistern ...

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Als Nioh vor zweieinhalb Jahren erschien, war das Reservat der „Souls-like“-Spiele noch recht dünn besiedelt. Just dieser Tage stehen sich die Vertreter dieser Spielegattung in Form von The Surge 2, Code Vein, Remnant: From the Ashes und Blasphemous regelrecht gegenseitig auf den Füßen. Anfang 2020 wird sich auch noch Nioh 2 in den Ring drängeln. Wir durften zwei Abschnitte jetzt schon anspielen.

Nach wie vor ist Nioh das bei Weitem beste „Souls-like“, das nicht von From Software selbst stammt. Trotz seiner turbulenten Entstehungsgeschichte, die insgesamt immerhin 12 Jahre umspannt, gelang es Entwickler Team Ninja die gut geölten Zahnräder der Souls-Mechanismen in ein funktionierendes und zuverlässig ratterndes Getriebe zu verbauen, in dem es zwar an einigen Stellen ordentlich knirschte und das offensichtliche Vorbild allzu deutlich durch die Blaupause schimmerte, dessen Einzelteile aber dennoch oder gerade deswegen passgenau ineinander griffen und wie geschmiert liefen.

Nioh war keine bloße Kopie, aber ein deutliches „inspired by“. Ein ziemlich gutes wohlgemerkt, denn es ließ genau an den richtigen Punkten die Eigenständigkeit erkennen, die das eine vom anderen unterscheidet. Beim Kampfsystem etwa, das sehr unterschiedliche Spielstile zuließ, auch bei der interessanten Verquickung von japanischer Geschichte und Folklore. An anderen Punkten ließ es, wenngleich es sich keine groben Schnitzer leistete, jedoch noch Luft nach oben, in die sich ein Nachfolger majestätisch würde aufschwingen können.

Beim Leveldesign etwa, das zu engstirnig in 90-Grad-Winkeln gedacht war, etwas uninspiriert nur flach in der Ebene lag und kaum in die Vertikale ging, Weite und Enge nicht so geschickt zu variieren wusste, wie es die From-Software-Leveldesigner meisterlich beherrschen. Auch bei der Grafik, beim Gegnerdesign, vor allem den Bossen, beim Abwechslungsreichtum und der Ideenvielfalt findet Nioh 2 eine Menge Hebelpunkte vor, an denen es ansetzen kann.

Punkt 1: Vieles beim Alten

Als Kenner des ersten Teils muss man sich beim Anblick von Nioh 2 erstmal verwundert die Augen reiben. Optisch gleicht der Nachfolger seinem Vorgänger wie ein Ei dem anderen. Hielte man mir zwei Screenshots oder einen kurzen Ausschnitt aus beiden Spielen zum Vergleich vor, ich könnte vermutlich nicht mit Gewissheit sagen, welcher aus welchem Spiel stammt.

Angefangen bei Kleinigkeiten wie den niedlichen Kodamas in ihren Gebetsschreinen und den Leichen mit ihrem leuchtenden Loot, über größere Nebensächlichkeiten wie das Interface samt Schaltflächen und Schriftarten, bis hin zur Zweitverwertung ganzer grafischer Objekte wie Bäume, Häuser, Straßen – ja, im Grunde nahezu alles, was ich in der Stunde Spielzeit zu Gesicht bekam, war identisch bereits genau so im Vorgänger zu sehen, den ich angesichts dessen fast schon „Hauptspiel“ nennen möchte. Selbst die Musik war immer noch dieselbe, wenngleich sie bis zum Release noch ausgetauscht werden könnte.

Ein verschlungener Pfad durch den Wald, ein brennendes Dorf aus hölzernen Hütten – die beiden Level, die ich anspielen durfte, kamen reichlich bekannt vor. Erst recht wenn man sich sehr ähnlich geartete Abschnitte aus Sekiro ins Gedächtnis ruft, die dort sehr viel zeitgemäßer aussahen, fällt der erste Eindruck von Nioh 2 enttäuschend und altbacken aus. Viel Potenzial, das schon der Vorgänger ungenutzt ließ, lässt auch der Nachfolger links liegen.

Punkt 2: Neuer Charakter mit Dämonenkräften

Während Nioh 2 also in den Disziplinen Grafik und Levelarchitektur auf der Stelle tritt, legt es allerdings in fast allen anderen Punkten einen spürbaren Zahn zu. Diesmal spielt ihr keinen vorgegebenen Charakter, sondern dürft ihn euch rollenspieltypisch aus einer Auswahl an Frisuren, Gesichtern und Körpermaßen selbst zusammenstellen. Sogar das Geschlecht könnt ihr euren Wünschen anpassen.

Das stark individualisierbare Kampfsystem mit seinen unterschiedlichen Stilen für die einzelnen Waffentypen ist im Kern das gleiche geblieben, wurde aber an den Rändern stark erweitert und übersichtlicher. So sind die Fähigkeiten nun klar in unterschiedliche Skillbäume unterteilt, an deren Ästen ihr in Klassen wie Krieger, Fernkämpfer und Ninja emporklettert. Auch eure gewonnenen Fertigkeiten an der Waffe sind nicht mehr willkürlich, sondern in einem strukturierten Diagramm arrangiert.

Die auffälligste – und mit Abstand coolste! - Neuerung sind aber: die Dämonenkräfte. Anstelle eures weitgehend passiven tierischen Schutzgeistes aus dem ersten Teil wohnt euch diesmal ein mächtiger Dämon inne, dessen Kräfte er euch verleiht. Neue Dämonenfähigkeiten erhaltet ihr von besiegten Bossen und Minibossen. Ihr könnt sie am Schrein auf eure Shortcuts ausrüsten und im Tausch für etwas Ausdauer im Kampf einsetzen: ein monströser Hammer, der auf eure Gegner niedersaust, ein Kraftfeld, der nahe Widersacher paralysiert, eine brennende Peitsche, die selbst Bosse für einen kurzen Augenblick besinnungslos macht …

Die Kämpfe von Nioh 2 werden auf diese Weise deutlich variantenreicher und vor allem visuell sehr viel spektakulärer als im ersten Teil. Wenn euer bunt leuchtender Schutzgeist aus seiner Dimension heraus in euren Körper fährt und euer Schwert mit seiner höllischen Magie in Flammen setzt, dann gibt das der Szene den Hauch zusätzliche inszenatorische Wucht, für die Souls-Spiele sonst immer zu schüchtern waren. Außerdem kommt auf diese Weise zumindest hin und wieder das Gefühl auf, nicht immer nur der kleine Wicht im Angesicht einer übermenschlichen Ohnmacht zu sein, sondern auch mal den Badass-Motherfucker an einem Gegner rauslassen, wenngleich auch nur für einen kurzen Moment. Doch apropos Gegner …

Punkt 3: fantasievollere und abwechslungsreichere Gegner

Ein Kritikpunkt am ersten Teil waren die auf Dauer etwas eintönigen Gegner. Zumindest in den beiden von uns gespielten Gebieten ließ Nioh 2 deutlich mehr Fantasie und Einfallsreichtum walten. Da begegnete uns ein akrobatischer Affe, der ein wenig wie ein entfernter Neffe des gorillaartigen Bosses aus Sekiro wirkte, eine blutlüsterne Vampirlady und dann erst diese grotesk entstellten Babys, die aussehen wie ein zum Zombie gewordener Gollum oder ein bösartiges Alien und sich in einen monströsen Troll verwandeln, wenn man zu lange braucht, um ihrer Herr zu werden.

Indem sich die Geschichte von Nioh 2 nicht mehr einen historisch verbürgten Hintergrund als Bühne wählt, scheint sie sich deutlich mehr Freiheiten zu gönnen und einen beherzten Schritt in Richtung Fantasy zu vollführen. Das führt uns direkt zum nächsten Punkt …

Punkt 4: abgefahrenere Bosse

Das historische Setting von Nioh 1 führte leider dazu, dass viele Bosse aus menschlichen Samurais bestanden und daher eher gewöhnlich bzw. wenig abwechslungsreich ausfielen. Nur wenige Endgegner wie die bekiffte Kröte oder die elektrisierte Chimäre sprühten geradezu über vor Fantasie. Der verstärkte Fantasy-Einschlag von Nioh 2 scheint, zumindest nach dem bisher Gesehenen zu urteilen, die Entwickler zu mehr Wagemut und Kreativität anzuspornen.

Als Erstes kämpften wir in unserer Anspielsitzung gegen einen riesigen zweibeinigen Gaul, der eine Keule mit den Hufen führt, die angesichts ihrer Ausmaße auch einem Charakter aus Final Fantasy gehören könnte. In seiner zweiten Phase taucht er das Spielfeld zu Teilen ins Dunkel der Dämonendimension, was dazu führt, das eure Ausdauer langsamer regeneriert und ihre eure übernatürlichen Kräfte nicht einsetzen könnt. Ebenfalls sehr kreativ und einzigartig wirkte der zweite Boss, den wir zu sehen bekamen: ein Krieger aus sprühenden Funken, der auf einer Art flammendem Streitwagen gegen euch in die Schlacht reitet. Wenn die restlichen Bosse nur halb so fantasievoll ausfallen wie diese, dann könnte Team Ninja zumindest in dieser Kategorie endlich der Schulterschluss mit Vorbild From Software gelingen.

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