Special - SEGA Mega Drive Mini : Zeitreise mit Schönheitsfehlern

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    Ich bin ein Kind des Mega Drive. Meine erste Heimkonsole war SEGAs 16-Bit-Maschine, damals im Bundle mit dem unverschämt hübschen Disney-Jump-‘n‘-Run Aladdin. Danach folgten viele weitere Titel, und einige meiner Lieblinge haben auch ihren Weg auf das Mega Drive Mini gefunden.

    Mit insgesamt 42 Spielen ist der Preis von rund 70 Euro absolut fair. Neben den normalen Spielen packte man als besondere Schmankerl noch das ultra-seltene Tetris sowie die neue Portierung des nie veröffentlichten Shoot-‘em-Ups Darius auf die kleine Kiste. Doch für mich persönlich gibt es andere Gründe, das Mega Drive Mini zu kaufen:

    Thunder Force III

    Erst als junger Erwachsener entwickelte sich meine Liebe für das Genre der Shoot‘-em-Ups. Beim Nachholen vieler älterer Titel stieß ich natürlich auch auf Thunder Force III. Das ziehe ich dem Nachfolger vor, weil es mir in Sachen Spielbarkeit und Leveldesign einfach besser gefällt. Beim Spielen zeigen sich allerdings die Schwächen des Digikreuzes, das ich schon immer als dezent wackelig und weniger präzise als das Super-NES-Pendant empfand. Zum Glück gab es für das Mega Drive einen Arcadestick. Der bringt mir an der heutigen Mini-Konsole zwar nichts, aber eine Runde Thunder Force III geht trotzdem jederzeit.

    World of Illusion Starring Mickey Mouse and Donald Duck

    Castle of Illusion starring Mickey Mouse war vorher da und ist ebenfalls Teil der Spielesammlung auf dem Mega Drive Mini. Aber World of Illusion hat mich mehr beeindruckt. Nach wie vor gehört es für mich durch die stilistische Nähe zu Disney-Trickfilmen zu den schönsten 16-Bit-Titeln, die ich je zocken durfte. Darüber hinaus habe ich fast ausschließlich Koop-Erinnerungen an das Spiel, denn meist wurde mit einem damaligen Schulfreund zusammen der magische Umhang geschwungen. Aber auch alleine spiele ich das entspannte Jump-'n'-Run noch heute gerne.

    Streets of Rage II

    Axel, Blaze, Skate und Max müssen ihre Stadt aus der Hand des bösen Mr. X und seiner Schlägertruppe befreien. Also lassen sie die Fäuste fliegen und verkloppen die zahlreichen Punks und Schläger in insgesamt acht Levels. Für mich stellt Streets of Rage II die Krone im Beat-‘em-Up-Bereich dar. Grafisch noch immer sehr ansehnlich und spielerisch einfach wunderbar befriedigend, gehört das 1992 erschienene Streets of Rage II zu meinen absoluten Lieblingsspielen – besonders im Koop-Modus. Außerdem gehört der Soundtrack von Yuzo Koshiro zum Besten, was das Mega Drive zu bieten hatte!

    Shinobi III: Return of the Ninja Master

    Mit der Rückkehr des Ninja-Kriegers verbinde ich vornehmlich den genialen Soundtrack. Auch spielerisch und optisch hatte der Titel was drauf, keine Frage. Aber wenn ich an Shinobi III denke, habe ich sofort Tracks wie Japonesque, Idaten oder Mandara im Ohr. Der Mix aus Action und Hüpfspiel wirkte damals allein aufgrund der Bluteffekte erwachsen und generell düster – allein deswegen musste ich Shinobi III zocken. Es ist schon verrückt, dass ich die Musik 25 Jahre später höre, während ich diese Zeilen tippe und zugleich wieder Lust auf das Spiel bekomme …

    The Story of Thor

    Für die einen ist es nur ein weiterer Zelda-Klon, doch für mich ein erstklassiges Action-Adventure mit tollem Soundtrack vom Streets-of-Rage-Komponisten Koshiro. Prinz Ali findet einen magischen Handschuh, mit dem er vier mächtige Elementargeister befehligen kann. Dazu kommt ein starker Prügelspiel-Einschlag, denn Ali verteilt flotte Kicks und langt mit seinem Dolch hin. Zwar wirkt The Story of Thor heute nicht mehr so groß wie in meinen Kinderaugen, aber hübsch und gut spielbar ist es nach wie vor. Und die Idee mit den begrenzt nutzbaren Geistern bringt eine Prise Taktik ins Abenteuer.

    Comix Zone

    Zeichner Sketch wird in sein eigenes Comic gesogen und muss sich seinen Weg zurück in die Realität prügeln. Und genau wie in einem Comicheft führt das Beat-‘em-Up von einem Panel zum nächsten – dieser Aufbau hat mich als Kind umgehauen! Noch immer finde ich das Spiel richtig klasse, auch wenn es schnell ziemlich richtig schwer wird. Aber allein die „live“ ins Bild gezeichneten Gegner sind ein Element, das sich bei mir regelrecht eingebrannt hat. Schade, dass es nie einen Nachfolger gegeben hat.

    Außerdem sind noch diese Titel enthalten:

    • Sonic The Hedgehog
    • Ecco the Dolphin
    • Castlevania: The New Generation
    • Space Harrier 2      
    • Shining Force
    • Dr. Robotnik's Mean Bean Machine
    • ToeJam & Earl
    • Altered Beast
    • Gunstar Heroes
    • Castle of Illusion Starring Mickey Mouse
    • Super Fantasy Zone 
    • Earthworm Jim
    • Sonic The Hedgehog 2 
    • Probotector
    • Landstalker
    • Mega Man: The Wily Wars
    • Street Fighter II: Special Champion Edition
    • Ghouls ‘n Ghost
    • Alex Kidd in the Enchanted Castle
    • Golden Axe
    • Phantasy Star IV: The End of the Millennium
    • Sonic The Hedgehog Spinball
    • Vectorman
    • Wonder Boy in Monster World
    • Tetris
    • Darius
    • Road Rash II
    • Strider
    • Virtua Fighter 2
    • Alisia Dragoon 
    • Kid Chameleon
    • Monster World IV
    • Eternal Champions
    • Columns
    • Dynamite Headdy 
    • Light Crusader

    Auch abseits meiner persönlichen Perlen stimmen sowohl die Spielbarkeit als auch die Genre-Mischung. Jump-‘n‘-Run, Action, Beat-‘em-Up, Puzzle, Rollenspiel – es ist für fast jeden etwas dabei. Ich vermisse eigentlich nur ein Fußballspiel wie World Cup Italia 90, ansonsten gibt es nichts zu meckern. Klar, es könnten mehr Spiele sein, doch dann fällt es umso schwerer, sich überhaupt für eins zu entscheiden ...

    Gezockt wird das alles mit dem klassischen Pad: Zwei Drei-Button-Controller mit zwei Meter Kabellänge liegen der Konsole bei. Aus meiner Sicht hätte es jedoch die Sechs-Knopf-Variante sein müssen: Gerade weil einige der enthaltenen Spiele, darunter Street Fighter II: Special Champion Edition oder Comix Zone, sinnvollen Gebrauch von den drei zusätzlichen Buttons machen, ist die Einsparung ein Fettnäpfchen, das sich leicht hätte vermeiden lassen. Beim Testmuster begann einer der beiden Controller bereits nach kurzer Spielzeit deutlich zu klappern.

    Viele Klassiker, aber wenig Liebe

    Wirklich mies fällt die grafische Aufmachung der Menüs und Hintergründe aus. Es geht mit den Schriften in der Spieleauswahl los, denn die sind unscharf und wirklich völlig charmefrei. Es geht weiter mit der Auflösung der Spielecover, die bereits auf einem kleinen Bildschirm leicht verwaschen dargestellt werden. Auf größeren Displays sehen diese aus, als hätte man sie mit einer schlechten Kamera aus den Neunzigern fotografiert und anschließend eingescannt. Das würde zumindest in die Zeit des Mega Drive passen.

    Der negative Höhepunkt ist jedoch die Gestaltung der zuschaltbaren Hintergründe, die beim Spielen im 4:3-Format die leeren Bereiche auf dem Schirm überdecken. Statt cooler Artworks oder von alten SEGA-Titeln inspirierten Grafiken bekomme ich zwei hässliche Alternativen sowie schlichtes Schwarz – und das ist wirklich die beste Wahl.

    Die Emulation der Klassiker klappt gut. Sämtliche Spiele laufen mit 60 Bildern pro Sekunde, jedoch existiert eine leichte Eingabeverzögerung. Diese fällt besonders Kennern der Originale auf und erschwert selbst Abläufe, die man sonst eigentlich im Schlaf beherrscht. Bei Streets of Rage II ist dieser Umstand nur störend, während etwa in Mega Man: The Wily Wars die so wichtige Präzision im Kampf gegen die Level und Roboterbosse spürbar leidet.

    Die Optik der Spiele hängt von zwei Faktoren ab: Bildformat und Displaygröße. Auf einem Monitor oder Flachbildfernseher mit geringer Diagonale geht die 720p-Auflösung noch in Ordnung, aber bereits hier weisen die Pixel bei etwas genauerem Hinsehen verschwommene Konturen auf. Schaltet ihr von 4:3 auf Breitbild um, wird die Darstellung in die Breite gezogen.

    Dadurch verschwindet zwar der potthässliche Rahmen, allerdings geht auch viel Ästhetik verloren. Daher empfehle ich, beim 4:3 zu bleiben. In jedem Fall wäre eine Full-HD-Auflösung wichtig gewesen, schließlich gehören große Monitore und üppig dimensionierte Fernseher zum Alltag auf dem Spielesektor. Es ist sehr schade, dass auch hier gespart wurde.

    Stichwort sparen: Verzichtet auf das Einschalten der Scanlines, denn diese sorgen nicht für Retro-Feeling, sondern versauen einzig den Bildeindruck. Ich schreibe das nicht ohne Grund, denn stellt ihr das nach dem Starten eines Titels selbst fest, müsst ihr diesen beenden und zurück ins Hauptmenü, um die Option zu deaktivieren. Erneut frage ich mich, warum eine derart simple Funktion nicht jederzeit angepasst werden kann. Die einzige spielerisch relevante Verbesserung ist das Schnellspeichersystem, bei dem ich für jeden Titel bis zu vier separate Spielstände anlegen kann.

    Das war es aber auch schon mit dem neuzeitlichen Komfort. Erneut wird der unsinnige Sparkurs deutlich, den SEGA beim Mega Drive Mini gefahren ist. Man hätte mit Leichtigkeit soviel ins Gerät packen können: Artworks, Hintergrundinfos zu den Spielen, Geschichten über ihre Entstehung, Interviews mit damaligen Entwicklern und, und, und. Tja, schade, aber vielleicht klappt es ja beim Saturn Mini …

    Fazit

    Trotz der gelungenen Spieleauswahl muss ich dem Mega Drive Mini eine deutliche Absage erteilen. Denn das Gerät ist eine Ansammlung von Unzulänglichkeiten und verpassten Chancen. Statt Fans – und nur solche würden das kleine Teil überhaupt kaufen – eine tolle Aufmachung mit vielen Hintergrundinfos und grafischen Einstellungsmöglichkeiten zu liefern, wurde an allen Ecken und Enden gespart und geschludert.

    Abgesehen von der guten und umfangreichen Spieleauswahl gibt es praktisch nur Negativpunkte. Hässliche Menüs, geringe Auflösung, schlechte Filter und Input-Lag sind mehr als genug Gründe, das Gerät links liegen zu lassen. Das Mega Drive Mini wirkt schnell zusammengeschustert, um genauso schnell den einen oder anderen Euro zu verdienen. So wenig Liebe für eine so große Konsole hat mich wirklich enttäuscht.

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