Test - Tetris 99 : Der König unter den Battle-Royale-Spielen

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… und im Jahr des Schweins wird ein Auserwählter geboren, ein Herrscher mit Ecken und Kanten, der das Battle-Royale-Genre aus der Verdammung befreit, der keine geklauten Tänzchen und keine dabbenden Kids duldet. Einer, der jene, die zu mauern wissen, mit Güte besieht und all jene bestraft, die nicht verstehen, Ordnung zu halten. Und so bricht es an, das Zeitalter von Tetris 99! Ein etwas anderer Test.

Battle Royale hier, Battle Royale da. Gerade im News-Bereich von Gameswelt hat sich diese zwölfstellige Buchstabenfolge bereits unauslöschlich in mein mechanisches Tippgedächtnis eingebrannt. Es ist wie eine Seuche, fast alle haben sie und man kann sich ihr höchstens auf einem einsamen Berg entziehen. Und jeder Entwickler will auf einmal ein Stück vom Kuchen abhaben. Nachdem ich die Zombieplage der letzten Jahre endlich hinter mir zu wissen glaubte, schwebte schon die nächste Vogelgrippe in Form spielschaffender Aasgeier über den Köpfen der Gamer-Gemeinde.

PUBG, Fortnite, H1Z1, Ring of Elysium, Black Ops 4, Kirby, Apex Legends ... Warum feiern alle dieses simple Spielprinzip, als Letzter übrig zu bleiben? Warum muss es neuerdings in jedem Spiel enthalten sein? Im Büro scherzen wir schon seit Langem über dieses inflationär auftretende Phänomen: Was kommt wohl als Nächstes? Pokémon: Battle-Royale, Minecraft: Battle Royale oder ganz verwegen: Tetris: Battle Royale. Tja, und jetzt sitze ich hier, tippe diese Zeilen und setze mich damit auseinander, dass das völlig Unerwartete tatsächlich eingetreten ist. Tetris macht jetzt auf Battle Royale und noch schlimmer: Ich find's geil!

Game of Stones

Irgendwo zwischen diesem und dem letzten Absatz ist es passiert: ein gewaltiger Sinneswandel. Tetris 99 hat etwas mit mir angestellt, das ich nicht für möglich gehalten habe. Ich interessiere mich für ein Battle-Royale-Spiel. Noch dazu für eines der besonders abstrusen Sorte. Kein dutzendfach kopiertes Geballere um den Sieg, einfach klotzen statt kleckern. Warum eigentlich nicht? Sich gegenseitig Reihen in den Weg zu schieben und voller Schadenfreude zu lachen, hatte schon auf dem Game Boy dank Link-Kabel Tradition. Der technische Fortschritt beschert uns nun den Superlativ von 98 Gegenspielern, die Steinchen stapeln, bis der letzte Kämpfer einen langen, blutgetränkten I-Tetromino glorreich in die Höhe hält, dem Allmächtigen entgegen, während in Gedanken Wagners „Ritt der Walküren“ zu hören ist.

Tetris 99 - Reveal Trailer
Reveal Trailer zu Tetris 99 von der Nintendo Direct am 13.02.2019.

Wie konnte es so weit kommen? Ich schätze, die Tatsache, dass Tetris 99 kostenlos für Nintendo-Switch-Online-Mitglieder erhältlich ist, hat sicher eine Rolle gespielt. Aber das allein kann es nicht sein. Ich hätte auch so viele andere Battle-Royale-Spiele kostenlos zocken können. Fortnite schreckt mich aufgrund seiner Zielgruppe ab. Apex Legends? Zu ernst. Tetris? Das kennt und kann jeder! Ich muss mich nicht erst mit irgendwelchen Seasons und Battle-Pässen auseinandersetzen und schon gar nicht mit lästigen Skins und Emotes. Tetris 99 punktet mit seiner auf das absolut Nötigste reduzierten Einfachheit. Nur ein Modus, kein Schnickschnack. Obwohl ich mit 98 Spielern gleichzeitig um den Sieg eifere, ändert sich für mich eigentlich nichts. Nun, sieht man von den Schweißausbrüchen ab, wenn mich mehrere Gegner gleichzeitig anvisieren.

Denn das ist streng genommen der einzige Kniff an Tetris 99. Ich bestimme, welcher gesichtslose Niemand aus der Masse schneller eine Mauer vor die Nase gesetzt bekommt als die Bewohner Süd- und Mittelamerikas. Umgekehrt kann mir das Spielende und eine niederschmetternde Platzierung nahe der 99 innerhalb von Sekunden drohen, sollten mehrere Konkurrenten gleichzeitig mich als Zielscheibe für ihren Puzzleabfall auserkiesen. Je später mich dieses Schicksal ereilt, desto mehr Erfahrungspunkte gibt es.

Stapeln ohne Sinn, aber mit Verstand

Warum ich die sammle? Keine Ahnung. Alle zehn Level scheint es ein neues „Gütesiegel“ in Form eines Emblems, das neben meinem Namen in der Rangliste der aktuellen Partie erscheint. Jo, danke für nichts. Aber auch ohne Belohnungen kann ich mich dem Sog nicht entziehen. Tetris ist einfach seit Jahrzehnten eine perfekte Formel, der jeglicher Schnickschnack mehr Schaden als Nutzen hinzufügt. Was sollte mir ein Levelaufstieg schon groß bringen? „Bessere“ Steine? Ein Mehr an Zeit, bevor die Tetrominos anfangen, wie Kometen vom Himmel zu stürzen – schneller am Boden als ich sie fallen sehen kann? All das würde die Balance völlig auf den Kopf stellen.

Einen Sinn ergibt mein fein säuberliches Stapeln also nicht, eher muss ich den Verstand darauf lenken, wen ich mit meinen aufgelösten Reihen beglücke. Gehe ich nur auf Konter, ernte ich mehr Feindseligkeit als Ignoranz. Dann lieber gezielt die untersten Mitglieder der Nahrungskette mit Steinen überladen wie bedauernswerte Stopflebergänse.

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