Test - D-topia : Test: Wollen wir wirklich in einer perfekten Welt leben?
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In nicht allzu ferner Zukunft lebt die Menschheit in einem selbst geschaffenen Paradies: in Städten, die perfekt an unsere Bedürfnisse angepasst sind und in denen sich eine KI mit ihren Robotern um sämtliche Belange kümmert, Arbeit freiwillig ist und Tagesabläufe bis ins letzte Detail fürs größtmögliche Wohlergehen optimiert sind. Doch wie viel Paradies verträgt ein Mensch?
Unser Hauptcharakter trägt den schmucklosen Namen Nummer 46. Die Stadt, in die er heute einzieht, heißt D-topia – und deutet so schon wenig subtil an, dass sich hinter ihrer nicht nur sprichwörtlich strahlend weißen Fassade womöglich dystopische Abgründe auftun.
Utopie oder Dystopie – das ist hier die Frage
Womit wir direkt zu Beginn bereits am spannendsten Punkt von D-topia angekommen sind: Denn das Spiel vom japanischen Entwicklerstudio Marumittu und Publisher Annapurna (Stray) vermeidet höchst intelligent einen Fallstrick, den dystopische Erzählungen für gemein mit sich bringen, in denen das kritisierte Problem und seine negativen Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft allzu offensichtlich sind.
Ob in 1984, Fahrenheit 451, Metropolis, Gattaca, Soylent Green, Logan’s Run, Brazil oder meinetwegen auch Die Tribute von Panem, Gattaca, Blade Runner, Die Insel und Idiocracy, in der Regel ist vom ersten Moment an klar, was das Problem ist und dass es besser hätte vermieden werden sollen. Doch das Teuflische an der Realität, die sich schleichend in eine Dystopie wandelt, besteht darin, dass sie eben nicht auf den ersten Blick als der dunkle Pfad erkennbar ist, auf dem wir irgendwann falsch abgebogen sind, sondern sie sich im Gegenteil im Gewand einer heilsversprechende Utopie tarnt, der wir uns freiwillig ergeben, ohne es zu merken. Wir alle wissen von den negativen Auswirkungen von Social Media, Künstlicher Intelligenz und Augmentierungen, und doch können oder wollen wir uns ihrer Einflüsse auf unser Leben kaum erwehren.
Das Geniale an D-topia ist, dass es uns tatsächlich in einer Utopie aussetzt, einer perfekten Welt, einem Paradies, und dem Spieler die Beantwortung der Frage überlässt, ob wir nicht einst aus gutem Grund daraus vertrieben wurden, weil wir dafür grundsätzlich nicht geschaffen sind.
Alles in D-topia wird von einer KI kontrolliert und verwaltet, der es aufrichtig um das Wohl der Menschen zu gehen scheint und die nicht wie üblich plötzlich eigene finstere Pläne verfolgt. Sie überwacht fürsorglich den Gesundheitszustand jedes Bürgers, wie wir es heute schon mit Fitness-Armbändern und Achtsamkeits-Apps tun. Die Mahlzeiten werden wie mit dem Replikator auf dem Raumschiff Enterprise künstlich erzeugt, perfekt an die jeweiligen Nährstoffbedürfnisse angepasst und sind dabei dennoch schmackhaft.
Arbeit ist freiwillig und dient lediglich der menschlichen Sehnsucht, sich nützlich fühlen zu wollen. Die Nachmittage sind frei und können im malerischen Park verbummelt werden, im Café oder der Einkaufspromenade. Roboter übernehmen sämtliche unliebsamen Aufgaben wie die Reinigung und eigene Wartung.
Cozy Adventure mit Rätseleinschlag
In diesem Szenario breitet D-topia sein Gameplay für uns aus, das sich am ehesten als cozy Adventure beschreiben lässt. Wir erkunden die Welt und erledigen Haupt- und Nebenquests, die meist daraus bestehen, irgendwo etwas zu erledigen und mit jemandem zu reden, was jedoch nie vor größere Herausforderungen stellt.
So lernen wir nach und nach unsere Mitbürger kennen, schließen Freundschaften und vertiefen diese, indem wir wie in Persona die richtigen Antworten geben und ihnen bei ihren Problemen und Sorgen zur Seite stehen. Zwischendurch lösen wir immer mal wieder hübsche kleine Minispiel-Rätsel, die sich an Vorbildern wie den Labyrinth-Puzzlen in The Witness, Schieberätseln wie in Sokoban oder Sudoku-ähnlichen Knobeleien orientieren.
Fünf Ingame-Tage und etwa sechs Spielstunden verbringen wir in dieser Welt, um uns eine Meinung über sie zu bilden. Wir verdienen Geld, um unsere Wohnung mit neuen Einrichtungsgegenständen zu verschönern, gehen morgens zur Arbeit, um das Geld dafür zu verdienen, und treffen nachmittags unsere neu gewonnen Freunde, um ihre Geschichten zu erleben.
Sind wir bereit für die vollkommene Glückseligkeit?
Und während man stets darauf wartet, dass die KI und ihre Roboter durchdrehen und die Menschen versklaven, ein mysteriöser Drahtzieher im Hintergrund die Herrschaft an sich reißt oder die vermeintlich heile Welt ihre Fratze hinter der Maske des schönen Scheins offenbart - passiert nichts davon.
Und doch bleibt die blütenreine Weste von D-topia nicht ohne Flecken und seine makellose Fassade bekommt zunehmend Risse. Denn eine Gesellschaft, die möglichst vielen Menschen ein Paradies sein will, verliert jene aus dem Blickfeld, die sich an ihren Rändern abseits der größtmöglichen Schnittmengen von der Norm befinden.
Der hochbegabte Junge etwa findet keine Freunde und wird von seinen Mitschülern gemobbt, weil er nicht in deren Schema vom gemeinsamen Nenner passt. Das melancholische Emo-Mädchen verzweifelt zusehends am Gefühl, nicht so richtig in diese permanent zufriedene Gesellschaft zu passen. Die Technikerin droht zu vereinsamen, weil sie sich in der Gegenwart von Maschinen wohler fühlt als mit Menschen, und der Künstler verliert seine Inspiration, weil eine Welt ohne Leid nur noch aus Banalitäten besteht.
Ganz nebenbei und subtil, schneidet D-topia grundlegende philosophische Fragen darüber an, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und was davon möglicherweise verloren geht, wenn Technologie und Routinen einen Großteil davon ersetzen: Ist es nicht auch wichtig für die eigene Persönlichkeit, einfach mal bloß Blödsinn im Kopf zu haben und die Regeln zu brechen? Geht nicht ein wesentlicher Teil der Menschlichkeit verloren, wenn uns alle Entscheidungen, Sorgen und Träume abgenommen werden? Ist das Leben, das wir dann führen und uns perfekt vorkommen mag, überhaupt noch unterscheidbar von demjenigen der Roboter, die sklavisch ihren Routinen folgen?
D-topia gibt euch keine Antworten auf diese Fragen. Die dürft ihr euch selbst in drei möglichen Enden geben. Die Frage, ob ihr das wirklich herausfinden wollt, kann ich euch allerdings leider auch nicht so leicht beantworten. Wenn ihr euch von den in diesem Artikel angerissenen Überlegungen angesprochen fühlt, dürfte euch D-topia viele spannende Anregungen liefern darüber zu sinnieren, in welche Richtung uns aktuelle technologische Entwicklungen gerade eigentlich führen und inwiefern eine solche Zukunft wirklich erstrebenswert ist – selbst in einem Best-Case-Szenario.
Wer sich allerdings nicht auf die philosophisch angehauchte Diskussion einlässt, dem könnte D-topia etwas langweilig, unspektakulär und spielerisch reichlich seicht vorkommen. Denn so spannend die Thematik auch sein mag, so unentschlossen wirkt das Spiel mitunter auch, sie aus sämtlichen Blickwinkeln konsequent zu beleuchten, womöglich auch deswegen, weil die Geschichte am Ende noch immer in eine gemeinsame Form mit dem Gameplay passen musste, wo sie vermutlich ohne dieses in der Folge einer Anthologie-Serie wie Black Mirror besser zur Geltung gekommen wäre.
Greift zu, wenn...… ihr an philosophischen Diskussionen über die Zukunft der Menschheit interessiert seid.
Spart es euch, wenn...… ihr in einem Videospiel richtig was zu tun haben wollt.


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