Test - Tennis World Tour : Spiel, Satz und Niederlage

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Seit der Ankündigung von Tennis World Tour sind wir gespannt und voller Vorfreude. Nach all den Jahren erscheint endlich wieder eine Tennissimulation für PC und Konsolen. Dass dann auch noch die erfahrenen Top-Spin-Veteranen am Programmcode des Spiels mitgeschrieben haben, verhieß eigentlich nur Gutes. Eigentlich. Denn dieses Tennisspiel müssen wir mit einem großen Aber versehen.

Die Uhr kriecht unaufhaltsam auf die Marke von über drei Stunden zu. Langsam trabt unser Held zum Balljungen und lässt sich zu seinen zwei Tennisbällen in der Hand noch einen weiteren geben. Mit prüfendem Blick sortiert er einen der Bälle aus und macht sich zurück auf den Weg zur Grundlinie. Die Kamera schwenkt auf seinen stark schwitzenden Gegner, der sich auf die Annahme des Aufschlags konzentriert. Unbändiger Wille ist auch seinen Augen abzulesen. Zurück in der Nahaufnahme lässt er die gelbe Filzkugel in einer anmutigen, genau kalkulierten Bewegung aus seiner Hand in den wolkenlosen Himmel fahren.

Die Perspektive wechselt blitzschnell, umfasst den gesamten Court. Er schlägt seinen perfekten Aufschlag auf die Linie nach außen, sein Gegner hat nicht den Hauch einer Chance. Ein Ass und damit sein Championship-Point. Die Zuschauer rasten aus. Lautstark feuern sie ihren Helden an. Jetzt soll es klappen. Nächster Aufschlag: Er serviert durch die Mitte, sein Gegner kommt mit letzter Kraft an den Ball. Leichtes Spiel, denkt er sich und holt für einen krachenden Topspin kräftig aus. Punkt! Die Fans können ihr Glück nicht fassen, lassen ihren Emotionen freien Lauf.

Doch der Gegenspieler ruft nach der Challenge (Hawk-Eye): ein elektronisches System, das den Ball mit mehr als sechs Kameras genau verfolgen und somit die Entscheidung beeinflussen kann. War der Ball wirklich auf der Linie oder doch im Aus? Der Schiedsrichter kündigt das Hawk-Eye an, quälende Sekunden unter höchster Anspannung vergehen. In einer Animation auf der Videowand wird den Zuschauern bewiesen, dass der Ball tatsächlich knapp auf der Linie war. Nun brechen alle Dämme. In der vollgepackten Arena versteht man sein eigenes Wort nicht mehr und unser Held ist den Tränen nahe. Er hat es tatsächlich geschafft. Sieg beim ersten Grand Slam des Jahres, den Australian Open. Wahnsinn!

Atmosphäre weit und breit nicht in Sicht

Dieses fast schon als Tenniswunder zu bezeichnende Ereignis spielte sich im Januar 2017 in Melbourne zwischen den Comebackstars Roger Federer und Rafael Nadal ab. Die beiden lieferten sich ein Wahnsinnsduell auf allerhöchstem Niveau. Mit dieser Anekdote wollten wir euch ein bisschen die Faszination des Tennissports näherbringen, ist sie doch seit den Zeiten der Grafs und Beckers in Fußballdeutschland etwas in Vergessenheit geraten. Aber Tennis ist ein atemberaubender Sport, der technisch anspruchsvoll ist und höchste mentale Ansprüche an die Spieler stellt. Er lässt ob der Darbietungen der Ausnahmeathleten mitfiebern und in vielen Situationen pure Gänsehaut spüren.

Damit sind wir mittendrin im Thema: dem Spiel des neu gegründeten Entwicklerstudios Breakpoint aus dem französischen Nachbarland. Tennis World Tour klang bei seiner Ankündigung äußerst verheißungsvoll, sind doch ehemalige Entwickler der grandiosen Top-Spin-Reihe an Bord. Das hat aber in keiner Weise geholfen. Tennis World Tour lässt vieles von dem vermissen, was ein gutes Tennisspiel ausmacht.

Langeweile pur

Tennis World Tour bringt auf dem Papier alles mit, was es für eine ordentliche Tennissimulation braucht. Ihr habt die Wahl, mit eurem virtuellen Protagonisten einen Slice, einen Lob, einen Topspin oder einen einfachen Kraftschlag auszuführen. Die Bewegung und die Ausführung sind der aus der Top-Spin-Serie sehr ähnlich. Veteranen werden sich schnell zurechtfinden. Einsteiger hingegen nehmen den Umweg über das Tutorial, das im Spiel Tennisakademie heißt. Es soll euch auf die Grand-Slam-Schlachten vorbereiten. In Tennis World Tour sind die Position zum Ball und das Timing das Wichtigste, um eine krachende Vorhand über das Netz jagen zu können.

Leider ist das Tutorial sehr uninspiriert gestaltet. Die Aufgaben bieten kaum Abwechslung oder eine Herausforderung. Ihr dürft lediglich die vier Grundschlagarten üben, indem ihr bestimmte Felder auf dem Platz trefft. Das haben sowohl Virtua Tennis als auch Top Spin wesentlich aufregender dargestellt.

Auch die gebotenen Spielmodi sind bestenfalls dürftig. In der Tennisakademie schaltet ihr langweilige Events erst mit Fortschritt in der Einzelspielerkarriere frei. Nachvollziehbar ist das nicht, zumal ihr dadurch euren Charakter nicht verbessert. Der ist sowieso nur in drei Kategorien zu leveln: Angriff, Verteidigung sowie Serve & Volley.

Entscheidend ist auf'm Court

Gut, hierbei handelt es sich um ein leicht abgewandeltes Fußballzitat, es ist aber auch bei Tennisspielen anwendbar. Nachdem ihr eure ersten Schritte mit Trainingseinheiten verbracht habt, ist es an der Zeit, die Courts dieser Welt zu bereisen. Zunächst buchen wir ein Exhibition-Match und entdecken aktuelle Größen des Sports wie Grand-Slam-Rekordchampion Roger Federer oder den Deutschen Alexander Zverev. Der Lizenzpool ist ordentlich gefüllt, zumal auch die Damen der Tour mit Kerber, Wozniacki und Muguruza gespielt werden können.

Schade, dass es weitere Größen wie Nadal, Djokovic, Murray oder vielleicht eine der Williams-Schwestern nicht in die Auswahl geschafft haben. Ebenfalls verwunderlich ist, dass alle Spieler Level 30 haben. Das mag bei Duellen noch der Fairness geschuldet sein, aber ein Ausnahmetalent wie Federer ist in vielen Bereichen dann doch eigentlich besser als ein Monfils. So verliert das Spiel an Glaubwürdigkeit.

Bei authentischen Tennisarenen und -plätzen wurde deutlich gespart. In Tennis World Tour gibt es nur Fantasieturniere. Dennoch möchten wir den Entwicklern ein Lob für ihre Kreativität bei der Gestaltung der Plätze aussprechen, da diese für optische Vielfalt im Tenniskalender sorgen. Allerdings sind kaum Unterschiede zwischen einem Sand- oder Rasenplatz zu erkennen. Euer Spieler fühlt sich überall gleichermaßen schwammig und ungelenk an, was die größte Schwäche des Spiels ist.

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Zum Zuschauen verdammt

Die KI reißt das Spielgeschehen zu sehr an sich. Selbst wenn ihr keine Schlagtaste gedrückt habt, führt euer virtueller Spieler einen Schlag aus. Dadurch sollen die per Motion Capturing aufgenommen Animationen weicher wirken, es sorgt aber bei Fortgeschrittenen für Frust. Dieser verstärkt sich zusätzlich, wenn ihr einen Topspin schlagen wollt, euer Spieler aber einen Slice ausführt, da es das Spiel anscheinend besser wissen will. Das erinnert ein wenig an das Spielprinzip von Pong, in dem ihr lediglich zwei Striche an die richtige Position bringen musstet.

Eine Tennissimulation geht anders und das Schlimmste für Tennis World Tour ist, dass die mehr als angestaubten Tennisspiele der Vergangenheit vieles bereits wesentlich besser gemacht haben. Selbst wenn ihr euch einmal nicht richtig positioniert habt, saugt sich euer Spieler förmlich an den Ball heran. Perfekt geschlagen wird das Spielgerät dann zwar nicht, aber Freude, dass ihr den Schlag noch hinbekommen habt, kommt da nicht auf, zumal die teilweise richtig guten Animationen durch Lags und hakelige Übergänge einen schlechten Eindruck hinterlassen und sich die Spielfiguren durch die Bank langsam und zäh anfühlen. Mitreißende Ballwechsel sucht man vergebens.

Perk-System à la Call of Duty

Bestes Beispiel dafür sind die Aufschläge. Der Ass-Spezialist John Isner lässt vor dem Aufschlag seinen Ball von hinten durch die Beine springen. Das wirkt auf den ersten Blick super, wird aber dadurch getrübt, dass dann die nachfolgende gebückte Haltung ruckartig eingenommen wird. Spielerisch sind die Aufschläge ebenfalls schwer nachvollziehbar. Während ihr noch beim ersten, kraftvollen Aufschlag den höchsten Punkt abwartet und dann die Taste loslasst, müsst ihr beim zweiten nur die Taste kurz antippen und die KI übernimmt wieder den Rest.

Mit einem Ass im Ärmel wollen die Macher von Breakpoint dann doch noch bei euch punkten: einem Perk-System ähnlich wie in Call of Duty. Fünf Karten könnt ihr vor jedem Spiel auswählen und euch so einen Vorteil in mancher Spielsituation verschaffen: besseres Spiel auf der Linie etwa oder mehr Ausdauer. Die Perks sind passive Eigenschaften, die automatisch im Ballwechsel aktiv werden. Im Ansatz ein toller Gedanke, der aber durch das magere Spielgerüst im Keim erstickt wird.

You can’t be serious

Dieser Leitspruch wurde von John McEnroe geprägt. Dass er als Kommentator für Tennis World Tour gewonnen werden konnte, hätte man als Glücksgriff werten können. Doch obwohl McEnroe durchaus als Talent am Mikrofon bekannt ist, wirkt er blass und fad. Man möchte kaum glauben, dass die eingesprochenen Zeilen wirklich von ihm stammen sollen, so lustlos und gelangweilt klingen seine Texte.

Wie wichtig eine ordentliche Soundkulisse in Spielen ist, merkt man besonders dann, wenn eine solche fehlt. Während andere Sportspiele mitreißenden Jubel und enthusiastische Fangesänge zur Unterstützung der Atmosphäre einsetzen, versagt Tennis World Tour hier auf ganzer Linie. Zum Vergleich haben wir das sieben Jahre alte Top Spin noch mal in unsere Xbox 360 geschoben und waren beeindruckt, wie viel besser sich der Titel schon damals anhörte.

Möglicherweise handelt es sich hierbei aber auch um einen Bug. Denn während das Ploppen der Filzkugel von Schläger zu Schläger zu hören ist, sind keinerlei Hintergrundgeräusche vernehmbar. Und das, obwohl das mehr als steife und mit wenigen Animationen gesegnete Publikum in Nahaufnahmen klatschend gezeigt wird. Bei Tennis-Rallyes möchten wir quietschende Schuhe auf Hartplatz hören, Sandprasseln beim Hin- und Herhecheln vernehmen und Zuschauer in Ekstase erleben. Die soundtechnische Darbietung von Tennis World Tour ist jedoch eine einzige Katastrophe.

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