Test - Cyberpunk 2077 Ultimate Edition : Switch 2 Test: Das Unmögliche ist (fast) perfekt geglückt
- NSw2
Gereift wie guter Wein: Als Cyberpunk 2077 vor fast fünf Jahren erschien, strotzte es nur so vor Bugs und Design-Macken, war ungehobelt, unfertig und zwang die ausklingende Konsolengeneration technisch so sehr in die Knie, dass Sony die PS4-Version sogar vorübergehend aus dem Online-Store verbannte.
Inzwischen gehört Cyberpunk 2077 zu den besten und schönsten Spielen des Jahrzehnts. Ein Meisterwerk, das sich Rollenspiel-Freunde unter keinen Umständen entgehen lassen sollten, auch wenn die Switch-2-Fassung mit ein paar Kompromissen leben muss.
In Night City ist kaum jemand seines eigenen Glückes Schmied. Abseits einiger Superreicher scheint niemand ein lebenswertes Dasein zu fristen. Versunken in Dreck und Verkommenheit frisst sie sich selbst auf, fördert täglichen Opportunismus und organisiertes Verbrechen. Längst haben Kartelle und Banden ihre dreckigen Finger so sehr in die Organisation des täglichen Lebens eingegraben, dass selbst die Polizei keine Autorität mehr darstellt.
Im Jahr 2077 herrscht das Recht des Stärkeren, des Reicheren und des am besten Bewaffneten. Kein Wunder also, dass viele Menschen Cyber-Implantate tragen, die ihnen auf irgendeine Weise Vorteile verschaffen, seien sie körperlich oder geistig.
V und Johnny – Freunde wider Willen
In dieser düsteren Zukunftsvision übernehmt ihr die Rolle von V, einer Spielfigur, die ihr selbst erschaffen dürft. Männlein, Weiblein, Trans, Inter? Ihr habt die Wahl! Drei Herkunfts-Optionen und etliche kosmetische Einstellungen später findet ihr euch in einer offenen Stadt wieder, die ähnlich wie in GTA volle Bewegungsfreiheit und etliche Möglichkeiten bietet, einer illegalen Existenzsicherung nachzugehen. Eure Hauptwerkzeuge dafür bestehen aus einem Talent für einfache Hardware-Hacks und einem Satz Schießeisen.
Nach ein paar kleineren krummen Dingern schafft ihr es, einen besonderen Bio-Chip zu stehlen, den ihr aufgrund unglücklicher Umstände in euren Kopf implantieren müsst. Dabei stellt ihr fest, dass er das digitalisierte Bewusstsein eines Mannes namens Johnny Silverhand beherbergt. Ein abgefuckter, aber inzwischen toter Rockstar, der auch ein paar terroristische Schandtaten auf dem Kerbholz hat. Sein Bewusstsein droht eure Persönlichkeit in langsamen Schritten zu überschreiben.
Silverhand, gespielt von Keanu Reeves, erscheint euch als optische Halluzination, spricht mit euch, versucht euch sogar umzubringen. Doch nach diesem ruppigen Start merkt ihr bald, dass ihr einige Gemeinsamkeiten mit dem zynischen Querkopf hegt. Mithilfe von Pillen könnt ihr seine Übernahmepläne temporär in Schach halten, aber euer Verhältnis bleibt kompliziert.
Hassliebe? Freundschaft? Koexistenz? Wie sich eure Beziehung entfaltet, bestimmt ihr selbst anhand von vielen Multiple-Choice-Gesprächen, die ihr während der rund 25 Stunden langen Hauptkampagne auswalzt. So erfahrt ihr, ob und wie Johnny und V dauerhaft miteinander leben können. Rechnet für Nebenmissionen in Night City noch einmal 150 Stunden drauf. Und für das Phantom-Liberty-Add-on, das in der Switch-2-Ultimate-Edition enthalten ist, noch einmal zehn Stunden Hauptmission plus 20 Stunden Nebenaufgaben.
Ein großes Spiel auf Nintendos kleiner Konsole?
Wir hören euch schon lachen: Na und? Ist doch inzwischen alles ein alter Hut. Euch von den Rollenspiel-Grundpfeilern vorzuschwärmen, die das Fundament für diesen dicht gewobenen Mix aus First-Person-Shooter und Action-Adventure setzen, ist im Jahr 2025 genauso interessant wie eine Rezension über Dubai-Schokolade.
Nun, Dubai-Schokolade schmeckt noch immer hervorragend, während Cyberpunk 2077 noch immer ein wahnsinnig aufregendes Spiel mit einer Hammer-Story, spannenden Wendungen und spektakulären Charakteren darstellt. Ganz zu schweigen von seiner überaus komplexen Charakterbildung, dem Crafting, und vielem mehr, das neben der reinen Grafikpracht hervorsticht. Selbst wenn man es schon mehrmals durchgespielt hat, staunt man wie einst Indiana Jones: Aah, Venedig. Öhm, nö, Night City, aber ihr wisst, wie es gemeint ist.
200 Stunden Inhalt und drei mögliche Enden in einer Welt voller Verbrechen, Sex und dystopischem Wahnsinn bleiben nach wie vor ein Haufen Holz. Für Nintendo-Puristen mögen Ab-18-Inhalte dieser Art zwar kein Neuland sein, da sie auf Switch 1 bereits The Witcher 3 und Ports uralter GTA-Schinken genießen durften, aber in dieser Fülle und Konsequenz gab es das noch nicht im heilen, von Yoshis und Kirbys Zuckerwatte-Knuffigkeit behüteten Nintendo-Land.
Bleibt nur die Frage: Was war nötig, um das Erlebnis auf die kleine Switch 2 zu bringen, und wie viel blieb vom Original übrig? Nach dem Desaster der PS4- bzw. Xbox-One-Version könnte man das Schlimmste befürchten, auch wenn Switch 2 im Docked-Modus (auf dem Papier) doppelt so stark ist wie eine PS4. Im Handheld-Betrieb bleibt von der Power schließlich gerade mal die Hälfte übrig.
Der unmögliche Port
Was CD Project Red geschafft hat, ist nicht weniger als ein unmöglich scheinender Port. Playstation-4-Power genügt für Cyberpunk 2077 hinten und vorne nicht, es hätte also voll in die Hose gehen können. Was die Switch-2-Fassung vor einem Desaster bewahrt, ist ihr erheblich größerer Arbeitsspeicher und Nvidias DLSS.
Intern wird das Spiel nämlich in niedrigerer Auflösung gerendert als damals auf der PS4. Die dynamische Pixelzahl sinkt im Handheld Modus zeitweise auf 360p und im Docked-Modus am TV auf 720p. Erst Nvidias Upscaling-Routine schärft das Bild, sodass die Handheld-Grafikqualität wie 720p erscheint, während der Docked-Modus am TV 1080p vorgaukelt.
Raytracing und andere Sperenzchen? Beherrscht die Switch 2 zwar, würde aber viel zu viel Rechenzeit verbraten. Trotzdem bleiben viele Beleuchtungseffekte erhalten. Da ist an gewissen Schauplätzen viel Mogelei im Spiel. Vorgebackenes Licht, begrenzter Wirkungsradius, gestrichene Schatten, sowas eben. Aber atmosphärisch bleibt Night City unangetastet. Die Switch-2-Fassung sieht viel besser aus, als sie eigentlich dürfte. Den Entwicklern von DLSS mögen bitte 40 Jahre Gesundheit und Reichtum das Leben versüßen.
Sparsam und doch besser als auf dem Steam-Deck
Klar, die abgespeckte DLSS-Routine der Switch 2 vermag keine Wunder zu vollbringen. Das Bild wirkt zwar allgemein scharf, kann seine weichgerechnete Grundlage in Bewegung aber manchmal nicht verbergen, auch wenn viele Texturen schärfer erscheinen als auf den Last-Gen-Konsolen. Haare von Spielfiguren fransen an ihren Enden aus und Schatten werden grundsätzlich an den Rändern gedithert. Partikel und transparente Objekte verschmieren in Bewegung sogar so sehr, dass Regentropfen mit dem Hintergrund verschmelzen. DLSS-Artefakte um bewegliche Objekte lassen sich dabei nicht vermeiden, fallen jedoch viel seltener auf als vermutet.
Noch dazu erwirkten die Entwickler so manch fantasievolle Sparmaßnahme für individuelle Schauplätze. Da verschwinden gerne mal Teile von Lüftungsrohren, sobald die Kamera in einem Parkhaus einen bestimmten Winkel abdeckt. Wir bemerkten Stellen, an denen das PC-Original Treppen darstellt, während auf Switch 2 offenbar eine Rollstuhl-Rampe eingerichtet wurde und ähnliches. Je nach Szenerie bevölkern weniger NPCs die Straßen, wobei wichtige Stellen wie etwa der Marktplatz aus atmosphärischen Gründen noch immer recht dicht bevölkert bleiben.
Grundsätzlich werdet ihr auf eine Bildrate von 30 FPS festgenagelt, die im Hauptspiel überwiegend konstant bleibt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Im Add-on Phantom Liberty, das technisch anspruchsvoller ist, gerät Nintendos Hardware hingegen ins Straucheln. In geschlossenen Räumen gibt es wenig Grund zur Beschwerde, aber sobald ihr die Stadt unter freiem Himmel durchstreift, kann es eine Diashow hageln. Stellt euch bei schnellem Autofahren auf rund 25 FPS ein. Bei wilden Ballereien mit etlichen NPCs fiel der Zähler auch mal unter 20.
Trotzdem ziehen wir die Switch-2-Version allemal dem Steam Deck vor. DLSS bleibt in jedem Fall schärfer und knackiger als FSR oder XeSS, während die Bildrate der Switch 2 trotz Abweichungen ein höheres Niveau erreicht. Das wird nicht nur im Handheldmodus deutlich. Gerade bei Anschluss an einen Fernseher stinkt das Steam Deck im Vergleich sichtbar ab.
Nebenbei: Lasst die Finger vom Performance-Modus. Er verspricht 40 FPS im Handheldmodus oder am TV, sofern euer Fernseher 120 Hz beherrscht. Die versprochenen 40 FPS werden aber so gut wie nie erreicht und die Bildqualität sinkt ein wenig. Gar nicht mal so sehr, weil DLSS weiterhin hervorragende Arbeit verrichtet, aber rein faktisch ist es so.
Für wen lohnt es sich?
Lasst es uns folgendermaßen ausdrücken: Jeder, der einen halbwegs brauchbaren PC besitzt (mit einer RTX 2070 oder besser) oder alternativ an einer PS5 beziehungsweise Xbox Series X zockt, sollte Cyberpunk 2077 unter allen Umständen auf diesen Plattformen genießen. Ihr habt einfach mehr davon – schönere Grafik, stabilere Performance, höhere Auflösung.
Solltet ihr aber keine andere Wahl haben als die Switch-2-Fassung, dann nur zu. Das Spiel unterstützt sogar die Maus-Funktion des rechten Joycons, sobald ihr es im Optionsmenü erlaubt. Wäre der Joycon-Controller ergonomisch etwas bequemer, würden wir euch sogar empfehlen, ausschließlich damit zu spielen, weil ihr viel genauer zielen könnt.
Der Joycon-Controller mag nicht ganz so präzise arbeiten wie eine PC-Maus und gleitet auch nicht so supersanft über eine Matte wie ein hochwertiger Nager, aber angesichts der gebotenen Flexibilität kommt ihr damit bestimmt 60 bis 90 Minuten gut zurecht. Danach macht sich leider die schmale Form des Griffes bemerkbar. Und die etwas unbequeme Anordnung der Feuerknöpfe, denn auf den Schultertasten – respektive der Haupt-Maustaste – wird nur geschossen. Menüs bestätigt ihr weiterhin mit dem A-Knopf, der nun auf der Seite liegt.
Welch ein Glück dass ihr zuhause am Fernseher auf eine Alternative zurückgreifen könnt, denn eine normale PC-Maus samt Keyboard funktioniert ebenfalls. Sie seien euch dringend ans Herz gelegt.
Greift zu, wenn...… wenn ihr dieses Meisterwerk noch nicht auf einer anderen Plattform genießen konntet oder wenn ihr es unterwegs spielen möchtet.
Spart es euch, wenn...… wenn Shooter-Gameplay mit Rollenspiel-Fundament so gar nicht euer Ding ist. Ansonsten gibt es keine Ausreden mehr.






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