Special - Infinity Nikki : Genshin Impact für Mädchen? Ich habe keine Ahnung, aber das ist okay
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Hallo, mein Name ist Dennis und ich bin kompletter Noob im Bereich der Gacha-Games. Noch weniger weiß ich von Dress-up-Titeln, in denen der Fokus darauf liegt, euren Charakter möglichst hübsch anzuziehen. Der irrsinnige Hype um Infinity Nikki weckte aber doch meine Neugier und so wagte ich mich in die kunterbunte Pastellwelt Miraland und setzte sämtliche meiner Sinne der gnadenlosen Niedlichkeit aus.
Schon das Hauptmenü von Infinity Nikki zielt direkt darauf ab, euch Diabetes zu verpassen. Im Hintergrund laufen bunte Szenen aus der Spielwelt, die Kawaii-Regler stehen auf Anschlag und aus den Lautsprechern trällert ein extra aufgenommener Song der britischen Sängerin Jessie J. Selbst der größte Grummelbär dürfte hier Probleme haben, seine schlechte Laune aufrechtzuerhalten, und so startete ich bestens gelaunt und mit einem fetten Ohrwurm mein Stylisten-Abenteuer.
Narnia oder doch Miraland?
Die Hauptfigur könnte für mich wohl kaum unpassender ausfallen. Ihr schlüpft in die Haut von Nikki, die sich auf dem Dachboden nach einem Kleid für den Abschlussball umsieht. Begleitet wird sie von dem katzenähnlichen Vieh Momo, und als sie endlich ein passendes Kleidungsstück findet, muss sie feststellen, dass es seltsame magische Kräfte beinhaltet. Bevor sie sich jedoch allzu viele Gedanken machen kann, wirkt das Kleid seine magischen Kräfte und teleportiert Nikki, Momo und mich in die magische und irgendwie mittelalterlich anmutende Spielwelt, in der es ein oberstes Gebot gibt: Mode!
Bereits nach wenigen Minuten verzapfen mir die NPCs der Welt nämlich, dass ich ab sofort als Stylistin tätig bin. Dieses Berufsfeld sorgt in Miraland nicht nur für schicke Outfits, sie hilft den Bewohnern auch durch die speziellen Fähigkeiten der diversen Kleidungsstücke.
Bevor ich mir aber überhaupt Gedanken über meine Lage machen kann, bombardiert mich Infinity Nikki schon mit allerhand Informationen. Das höchste Ziel lautet, ein „Wunderoutfit“ zu finden, was auch immer das genau sein mag. Nikki zögert natürlich nicht und schreibt die Beschaffung direkt auf ihre To-Do-Liste. In der kunterbunten Spielwelt gibt es stets etwas einzusammeln, ob jetzt die Währung „Klunker“, diverse Früchte und Beeren oder die mysteriösen Wundersterne, im Sekundentakt verpasst mir das Spiel kleine Endorphinspritzen.
Viele Teilchen und Ressourcen verdient ihr nämlich auch durch absolvierte Herausforderungen und Nebenquests. Fangt bestimmte Insekten, erledigt Gegner für NPCs, besorgt verloren gegangene Taschenbücher und so weiter. Blöderweise verstecken sich sämtliche Belohnungen in immens verschachtelten und unnötig unübersichtlichen Menüs. Teilweise dauert es mehrere Minuten, bis ihr alle Boni eingesammelt und euren Weg zurück ins Spiel gefunden habt. Auch ein Weg der Entschleunigung, nehme ich an.
Nach nur wenigen Minuten bugsiert mich das Tutorial selbstverständlich auch ins hauseigene Gacha-Menü. Dieses orientiert sich wohl grob an Genre-Kollegen wie Zenless Zone Zero und Genshin Impact, als Noob und Skeptiker dieses Segments fällt mir eine Einsortierung aber naturgemäß schwer. Direkt Bauchschmerzen verursachen aber die mindestens fünf Fantasiewährungen, die sich ineinander verschachteln, umwandeln lassen und die Euro-Symbole möglichst schnell hinter nebulösen Symbolen verschwinden lassen sollen.
Das ganze System fällt also absichtlich überkomplex aus, damit ihr absolut nicht rafft, was vor sich geht und vielleicht auch aus Versehen mal die eine oder andere Echtgeldtransaktion tätigt. Das kann und sollte für sich genommen definitiv kritisiert werden, aber: In meinen Stunden mit Infinity Nikki kam zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, den Geldbeutel zücken zu müssen. Letztlich erhaltet ihr nur neue Outfits, die mit Sicherheit total süß und selten sind, aber halt auch keinerlei echten Vorteil bieten.
Kleider machen Leute
Dabei stellen Klamotten ja durchaus ein Kernelement von Infinity Nikki dar. Denn während ihr so durch die von einem Einhorn ausgefurzte Welt rennt, sammelt ihr nicht nur Kräuter und Pflanzen ein, ihr fangt auch Fische und Insekten, wascht knuffige Tiere und erreicht höher gelegene Ebenen durch einen Doppelsprung mit Gleitfunktion. Für all die eben beschriebenen Aktivitäten benötigt ihr spezielle Outfits, die die jeweiligen Skills freischalten. Glücklicherweise verstecken sich diese nicht hinter der Gacha-Schranke. Stattdessen schaltet ihr sie komplett durch gefundene Ressourcen frei.
Einen Teil der Spielzeit verbringt ihr also damit, durch Miraland zu stolpern und nach den benötigten Pflanzen, Insekten oder auch Gegnern zu suchen. Richtig gelesen, in Infinity Nikki ist nicht alles pastellfarben und zuckersüß, ihr müsst euch auch knallhart in Kämpfen messen!
Diese laufen grob gesagt in zwei Kategorien ab. Kleine Monster in der Welt, die wie Leinensäcke aussehen, pustet ihr einfach mit einer Art Hadouken vom Bildschirm. Ein Treffer reicht zumeist aus und der Anspruch befindet sich auf Vorschul-Niveau. Darin besteht also schonmal nicht gerade die Stärke von Infinity Nikki und ganz ehrlich: Ich frage mich, warum sie überhaupt einbaut wurden.
Doch dafür reißen die Stylisten-Duelle sicherlich einiges raus, oder? Denn natürlich existieren verfeindete Gangs in Miraland, die ihre Zwistigkeiten durch Auseinandersetzungen klären, die mehr an alberne Musical-Einlagen als tatsächliche Gangfights erinnern. Hier haut ihr euch nicht gegenseitig die Hucke voll, stattdessen gewinnt schlicht und ergreifend die Person mit dem zur jeweiligen Kategorie passendsten Outfit.
Wenn sich hier also Leute zunächst minutenlang (natürlich jugendfreie) Beleidigungen an den Kopf werfen, nur um schlussendlich zu vergleichen, wer das coolste, süßeste oder praktischste Outfit trägt, will ich aufgrund akuter Cringe-Überdosis vom Stuhl kippen. Zumal dabei keine komplexe Spielmechanik im Hintergrund Werte verrechnet, ihr müsst einfach stumpf Zahlenwerte der einzelnen Attribute vergleichen.
Ganz allgemein kann ich Infinity Nikki bei aller Überzuckerung aber eine Sache auf keinen Fall vorwerfen: Übersexualisierung. Das chinesische Studio Folding Paper schafft es trotz des Fokus auf Äußerlichkeiten erstaunlich gut, die Klamotten zwar irgendwie unrealistisch und überzeichnet zu gestalten, verzichtet dabei aber auf überbordende Dekolletees, Miniröckchen mit Panty-Shots und anderweitig stumpfe Stilmittel, wie sie Stellar Blade beispielsweise in eindrucksvoll fragwürdiger Weise als Verkaufsargument nutzte. Vielmehr bietet Infinity Nikki den Spiel gewordenen Prinzessinentraum.
Eine Welt voller Möglichkeiten
Seichte Spielmechaniken, Prinzessinenthematik, mindestens fragwürdige Gacha-Mechaniken – nicht unbedingt die besten Grundvoraussetzungen. Warum aber hat es mir Infinity Nikki bis zu einem gewissen Grad doch angetan? Weder verstehe ich, was das Spiel eigentlich genau von mir will, noch sehe ich mich auch nur ansatzweise als Zielgruppe dafür, die Hauptfigur möglichst oft umzukleiden und stundenlang im Foto-Modus die süßesten und coolsten Posen zu finden. Eigentlich dürfte der Free-to-Play-Trip nach Miraland also direkt wieder von meiner Festplatte fliegen.
Hinter der quietschbunten Fassade verbirgt sich jedoch weit mehr als nur eine interaktive Puppensimulation. In Infinity Nikki stecken erstaunlich viele Mechaniken, die über viele Stunden hinweg herrlich seicht unterhalten. Anders ausgedrückt: wir haben es hier mit einem Paradebeispiel für ein Cozy Game zu tun.
Selbst die Minispiele laufen so entspannt ab, dass sie vermutlich sogar meine Hündin nach etwas Übung hinkriegen würde. Ihr manövriert einen Papier-Kranich über fixe Schienen und weicht mit ihm Hindernisse aus, natürlich winken zur Belohnung ein paar Edelsteine. Selbst einen Flappy-Bird-Klon gibt es. Gelegentlich müsst ihr sogar Hindernis-Parcours absolvieren oder versteckte Sternensymbole finden, was entfernt an die Krog-Samen aus The Legend of Zelda: Breath of the Wild erinnert. Dieser Vergleich kommt nicht von ungefähr.
Denn an Infinity Nikki sind interessanterweise einige Personen beteiligt, die schon für Nintendo arbeiteten. Allen voran sei der Executive Producer Kentaro Tominaga genannt, der als Game Designer und DLC Director an Breath of the Wild mitwirkte. Freilich fehlt die Genialität eines Zelda hier, aber dennoch zeigt sich in der schieren Abwechslung die jahrelange Erfahrung bei der Erschaffung immersiver und interessanter Welten. Nur wenn ihr mit offenen Augen durch die Welt lauft, findet ihr wirklich alle Geheimnisse.
Mit Spannung erwartet die Community Infinity Nikki. Dieser Trailer stellt die überraschend düstere Story vor.
In meine Heavy Rotation nehme ich Infinity Nikki vermutlich aus einem sehr simplen Grund nicht auf: Zeitmangel. Denn auch wenn ich nie das Gefühl hatte, durch Echtgeldeinsatz schneller voranzukommen, ist das Spiel kein Selbstläufer. Mit einer Serie auf dem zweiten Bildschirm oder einem Podcast auf den Ohren sehe ich mich aber zumindest gelegentlich nach Miraland zurückkehren. Meine Vorbehalte bezüglich Gacha und plumper Charakterdarstellungen räumte Infinity Nikki in jedem Fall bis zu einem gewissen Grad aus und die waren nicht gerade klein.
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Wenn ihr ansatzweise über die zugegeben sehr kitschige Präsentation hinwegsehen könnt, rate ich euch zumindest einen vorsichtigen Blick auf die stylische Sause. Kostet ja immerhin nichts, solange ihr nicht in die Gacha-Falle tappt.

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