Länderauswahl:
Du wurdest von unserer Mobile-Seite hierher weitergeleitet.

Test - Routine : Test: Klobiger 80er-Retro-Sci-Fi-Horror für Masochisten

  • PC
  • PS4
Von  |  | Kommentieren

Wenn der Spruch „Was lange währt, wird endlich gut!“ tatsächlich stimmen würde, müsste Routine längst jeden „Spiel des Jahres“-Award abräumen (gleich hinter Bloodlines 2, versteht sich). Seit 13 Jahren werkeln die Entwickler am First-Person-Horror-Adventure, haben zwischendurch sogar alles eingestampft und komplett neu begonnen, weil der damalige Prototyp ihnen selbst zu öde erschien. Das nötigt mir einerseits Respekt fürs Durchhaltevermögen ab, wirft aber auch die Frage auf, warum sie die nun fertige Version für so viel besser hielten.

Als Technik-Spezialist erreicht unser Protagonist eine Mondbasis, nur um festzustellen, dass die komplette Crew scheinbar spurlos verpufft ist. Auf der Suche nach einer Erklärung stolpert er über verstörende Forschungsberichte, verwahrloste Korridore und Roboter, die ihm liebend gern zeigen würden, wie die Luftschleuse von außen aussieht. Und wer weiß, was im flackernden Neonlicht der verlassenen Anlage noch auf ihn lauert …?

Atmosphäre = 101.325 Pascal

Technisch huldigt Routine der Retro-Sci-Fi-Ästhetik der 80er-Jahre. Die Menschheit ist zwar fortschrittlich genug für eine permanente Mondkolonie, gleichzeitig aber offensichtlich nicht in der Lage, ordentliche Hardware zu entwickeln. Überall finden sich klobige Röhrenmonitore, kratzige Tonbänder und kein Anzeichen von Spotify oder 4K. Ein CRT-Filter legt sich permanent übers Bild und zementiert den nostalgischen Vibe endgültig.

Die klaustrophobische Raumstation und die bedrückende Atmosphäre sind Routines stärkste Waffen. Die chaotischen Räume erzählen von panischem Aufbruch, verzweifelten Fluchtversuchen und der ständigen Möglichkeit, dass hinter jeder dunklen Ecke etwas lauert, das dich zu feinem Mondstaub zerreiben will.

Das Sounddesign brüllt subtil: „MERKST DU, WIE KRASS DIE ATMO IST?“ Jeder Schritt im massigen Raumanzug klingt mühselig, und nach wenigen Metern pfeift der Protagonist wie eine übermotivierte Dampflok. Man darf darüber streiten, ob das jetzt immersiv oder nervig wirkt, intensiv ist es in jedem Fall.

Eigentlich bietet Routine also die perfekte Kulisse, um tief in die Geschichte einzutauchen, die Umgebung zu erforschen und das Schicksal der Crew zusammenzupuzzeln.

Gnadenlos mondsüchtig

Normalerweise würde ich jetzt gewohnt elegant zu meinem persönlichen „Aber“-Moment überleiten, es stellt sich aber heraus, dass der offenbar gar nicht so persönlich ist. Selbst auf der Steam-Seite findet sich mittlerweile eine offizielle Warnung vor dem gnadenlosen Designansatz.

Routine rühmt sich damit, Spieler „nicht an die Hand zu nehmen“. Praktisch bedeutet das: keine Wegpunkte, kaum Hilfen, null Orientierung. Gleich zu Beginn (hier spoilerfrei verkürzt) dockt ihr an, absolviert ein Mini-Tutorial und dürft dann zwei große Bereiche frei erkunden. Klingt nach Freiheit. Da Routine aber extrem linear ist, fühlt es sich wie ein Labyrinth an, das nur einen einzigen echten, unbekannten Ausgang besitzt. Der Rest endet in Sackgassen.

Ja, es gibt theoretisch ein Questlog. Praktisch dürft ihr nur an Speicherpunkten einen Blick darauf werfen und selbst dann ist es häufig so aufschlussreich wie ein leerer Einkaufszettel. In meinem Fall war es teilweise sogar wirklich leer. Komplett. Nichts. Da fragt man sich zwangsläufig: Bin ich fertig? Darf ich heim? Hat jemand anderes die Prinzessin schon gerettet? Darf ich jetzt wieder Minecraft spielen gehen?

Also durchforstet ihr die Station Stück für Stück, bis ihr das eine relevante Post-it findet, das exakt so aussieht wie die 9837 anderen, jedoch komplett irrelevanten Post-its. Ihr wisst oft weder, warum ihr etwas sucht, noch, was genau ihr sucht. Steht dann doch mal ein Rätsel an, dann sind sie meistens Horror-Routine (vielleicht ist der Ausdruck ein wenig unglücklich gewählt). Wer lesen kann und das unheimliche Glück besitzt, zufälligerweise über den richtigen Schalter zu stolpern, der wird weiter keine großartige Gedankenleistung mehr aufbringen müssen.

Und als wäre das nicht genug, sitzt euch fast durchgehend ein unsterbliches Monster im Nacken. Jetzt wäre eine leicht zu bedienende Waffe doch Gold wert.

Aha! Dies ist mein Seriöses HilfsInformations-Tool!

Doch Routine wäre nicht Routine, wenn es euch auch nur die kleinste Erleichterung gönnen würde. Statt einer Waffe gibt’s das „Kosmonautische HilfsWerkzeug“ (KHW), ein klobiges Multifunktionsding, das ihr erst lieben lernt, dann hasst, dann verflucht. Es hackt Systeme, erhält Module wie Infrarot-Sicht oder Taschenlampe und kann Gegner kurz betäuben. Ein wortwörtliches Werkzeug zur Selbstverteidigung? Das versprüht durchaus ein bisschen Dead-Space-Vibes.

Der Wechsel zwischen den Modi fühlt sich aber an wie das Bedienen eines 50 Jahre alten sowjetischen Toasters: umständlich und potenziell lebensgefährlich. Ihr zoomt in die Seitenansicht der Waffe, hantiert mit unbeschrifteten Knöpfen und Schaltern und verliert dabei in hektischen Momenten gern mal die Übersicht und das Leben.

Besonders grauenhaft charmant ist das Navigieren der Bildschirme. Statt klassisch zu klicken, steuert ihr den Cursor mit eurem Blick, während die Kamera frei bleibt. Mit Maus halbwegs erträglich, Controller-Nutzer sollten sich aber vielleicht bereits vorab eine Baldrian-Infusion legen.

Unterm Strich lässt sich Routine schwer bewerten. Wer diese sperrige Steuerung als Immersionsgold feiert und kein Problem damit hat, stundenlang im falschen Bereich herumzuirren, während ein unsterbliches Monster ihm in den Nacken atmet, findet hier eine Erfahrung, die man sonst kaum noch irgendwo bekommt.

Dafür belohnt Routine mit einer dichten Atmosphäre, einer spannenden Handlung und herrlich rauem 80er-Retro-SciFi-Horror. Alles außerhalb dieser eher schmalen Zielgruppe sucht sich vielleicht lieber ein entspannteres Hobby wie Bombenentschärfung, textilfreie Fallschirmsprünge (wobei mit “Textil” der Fallschirm gemeint ist) oder Krokodile tätowieren.

Greift zu, wenn...

ihr Spiele liebt, die euch gnadenlos in ihre Welt werfen, ohne Rücksicht auf Orientierung, Komfort oder euren Puls.

Spart es euch, wenn...

ihr auf klare Ziele, intuitive Steuerung und nachvollziehbare Progression angewiesen seid oder euch schon beim Wort “Trial-and-Error” die Luft ausgeht.

Fazit

Sebastian Ruppert - Portraitvon Sebastian Ruppert
Retro-Horror mit Stil und Stolpersteinen

Routine ist wie eine wunderschöne VHS-Hülle aus den 80ern, die man in einer staubigen Kiste auf dem Flohmarkt findet. Von außen strahlt sie Style, Spannung und Retro-Charme aus und dann merkt man zu Hause, dass der Film zwar cool aussieht, aber ständig stottert, zurückspringt oder mitten im Höhepunkt einfach stoppt.

>>Mehr Schrecken im All: Die 10 besten Space-Horror-Games<<

Routine ist definitiv nicht für jeden etwas und wird vielen sauer aufstoßen (siehe Warnung auf der Steam-Seite). Wer aber bereit ist, sich auf sperrige Bedienung, Trial-and-Error-Navigation und einen etwas sturen Designansatz einzulassen, bekommt ein atmosphärisches Horror-Abenteuer, wie man es in dieser Form nur selten erlebt. Wer aber spielerische Klarheit und Komfort erwartet, wird hier eher im luftleeren Raum zurückgelassen.

Überblick

Pro

  • Fantastische 80er-Retro-SciFi-Atmosphäre
  • Starkes Sounddesign
  • Tolle, dichte Raumstationskulisse voller Details
  • Spannende Grundidee und motivierendes Mysterium

Contra

  • Umständliche Steuerung
  • Navigation unnötig kryptisch
  • Questlog gefühlt im Urlaub
  • Das KHW ist mehr Puzzlebox als hilfreiches Werkzeug

Kommentarezum Artikel

Outshine
Gamesplanet.comOutshine2,81€ (-78%)PC / Steam KeyJetzt kaufen