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Test - Tainted Grail: The Fall of Avalon : Test: Pflichttitel für Skyrim- und Oblivion-Fans, aber ...

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Manchmal fliegt ein Spiel so sehr unter dem Radar, dass selbst wir es nicht auf dem Schirm haben. In diesem Fall wäre es jedoch eine Schande, es zu ignorieren. Nach zwei Jahren Early Access ist kürzlich das Rollenspiel Tainted Grail: The Fall of Avalon des polnischen Studios Questline in der finalen Version erschienen. Mit Tainted Grail: Conquest hatte das Studio bereits einen Roguelike-Deckbuilder zur Marke veröffentlicht. Nun ist ein waschechtes Open-World-Rollenspiel an der Reihe, das in vielerlei Hinsicht beeindruckt, aber auch noch so seine Probleme hat. Warum, das verraten wir euch in unserem leicht verspäteten Test.

Das polnische Studio Questline ist noch relativ jung und hat mit Tainted Grail: Conquest erst einen Titel veröffentlicht. The Fall of Avalon wurde mit einem kleinen Team von 20 Mitarbeitern gestartet, zum Release waren es bereits 50. Questline gehört zu Awaken Realms, einem bekannten Brettspiel-Publisher.

Dass sich Questline durchaus ein wenig an Bethesda-Titeln wie Oblivion orientiert, wird schon zu Beginn des Spiels klar – vermutlich mit einem Augenzwinkern. In Tainted Grail: The Fall of Avalon erwacht ihr als Gefangene(r) in einem Kerker auf der sagenumwobenen Insel, die einst König Arthur und seine Ritter schützte und nun von der Roten Pest und der chaotischen Wyrdnis zerrissen wird. Zu Beginn wisst ihr kaum mehr als euren Namen, doch schon bald offenbart sich, dass ihr die Hülle für Arthurs zerteilte Seele seid.

Um dessen Wiederauferstehung zu ermöglichen, macht ihr euch auf die Suche nach uralten Artefakten und Seelensplittern, die über das ganze Land verstreut sind und euch bei Erhalt besondere Kräfte verleihen. Fraglich ist jedoch, ob die Wiederauferstehung des Königs wirklich dem Wohle aller dient, denn eine frühe Begegnung mit dem geheimnisvollen Caradoc könnte auf das Gegenteil hindeuten. Dies sind allerdings Fragen, auf die ihr erst im Verlauf des Spiels einige Antworten finden werdet, die zu unterschiedlichen Enden führen können.

Eure Reise führt euch durch verfallene Dörfer, nebelverhangene Moore und verfluchte Festungen, immer begleitet von Zwiespalt—denn die Kräfte, die euch helfen könnten, bergen auch das Risiko, euch selbst zu verderben. In jeder Begegnung mit Dorfbewohnern, Rittern der Tafelrunde und anderen Gefährten bestimmt ihr mit euren Entscheidungen den Verlauf der Geschichte. Trefft ihr Abgesandte Morgans, müsst ihr euch überlegen, ob ihr ihrem finsteren Pakt zustimmt oder eure Überzeugungen aufs Spiel setzt. Questlines düstere Adaption der Legende macht Laune, zumal sich die Entwickler einige eigenwillige Interpretationen und einen ganz eigenen Artstyle, der zuweilen etwas an Dark Souls oder Elden Ring erinnert, ausgedacht haben.

Es dauert allerdings ein wenig, bis die Sache Fahrt aufnimmt, sieht man mal von der recht umfangreichen Charaktererstellung ab. Die wohl als Hommage an Oblivion gedachte Introsequenz ist etwas arg lang, bis man dann endlich in die eigentliche Story eingeführt wird. Diese Einführung holt aber ab. Weiter geht es dann in das erste der umfangreichen Gebiete, in denen unzählige Quests und Aufgaben auf euch warten. Hauptquests, Nebenquests, sonstige Jobs und Kopfgelder wechseln sich munter ab und sorgen für viel Unterhaltung.

Gespielt wird, wie bei Oblivion oder Skyrim, aus der First-Person-Perspektive, wobei ihr seit dem letzten Update auch auf Third-Person-Ansicht wechseln könnt. Das Charakter- und Skillsystem erlaubt euch viele Freiheiten. Neben grundlegenden Attributen, die für die Nutzung von Rüstungen und Waffen wichtig sind, gibt es verschiedene denen zugeordnete Skilltrees. Darin schaltet ihr mit typischem XP- und Skillpunktesystem Fertigkeiten und Perks frei. Einen Klassenzwang gibt es nicht, ob ihr mit Dolchen, Einhandwaffe mit oder ohne Schild, Zweihänder, Magie oder Bogen unterwegs sein wollt, bleibt komplett euch überlassen und auch Hybride sind durchaus machbar.

Entsprechend gibt es massig Loot in verschiedenen Qualitäten, wobei die Flut manchmal etwas zu viel des Guten ist, zumal auch noch Tränke, Nahrung, Zutaten und Ressourcen für das Crafting hinzukommen. Das Inventar läuft gern und schnell über, trotz verschiedener Reiter ist die Verwaltung zuweilen fummelig. Dank Händlern, Schmiede, Kochstellen und Alchemiestationen könnte ihr aber einiges vom Überfluss in sinnvoll nutzbare Gegenstände verwandeln. Passende Rezepte und Baupläne gibt es durch Bücher, die ihr looten oder bei Händlern erwerben könnt.

Die Spielwelt, durch die ihr streift, hat ihren ganz eigenen Reiz. Die Technik wirkt zwar veraltet, bzw. altbacken, das künstlerische Design holt allerdings so einiges wieder raus. Das Indie-Studio hatte aber ziemlich offensichtlich gar nicht die Absicht, ein hochmodernes Spiel zu erschaffen, sondern scheint gezielt die Fans von Oldschool-Rollenspielen wie Skyrim, Oblivion oder Gothic ansprechen zu wollen. Durchaus nicht verwerflich, bedenkt man, wie beliebt diese alten Schätzchen immer noch sind. Zudem hat es den Vorteil, dass Tainted Grail auch auf älteren Rechnern noch relativ rund läuft, zumal mit dem letzten Update noch einiges Slowdowns behoben wurden.

Tainted Grail verzichtet nicht auf genretypische Features wie Wetter oder Tag- und Nachtwechsel. Letztere sind ohnehin spannend – habt ihr keinen sicheren Ort oder kein Lagerfeuer errichtet, strömt die Wyrdnis auf euch ein und schwer zu knackende, übernatürlich Wesen attackieren euch. Am Lagerfeuer könnt ihr zudem Kochen, auch ausruhen oder gegen die Opferung bestimmter Ressourcen auch Gegenstände identifizieren und Tränke brauen. Ansonsten beeindrucken sowohl die Soundeffekte, als auch der Soundtrack und die meist gelungene Sprachausgabe. Auf deutsche Sprachausgabe müsst ihr allerdings verzichten, das hat wohl das Budget nicht hergegeben. Deutsche Menüs und Untertitel gibt es aber immerhin.

Schön an der Spielwelt ist, dass es neben den obligatorischen Quests so einiges zu entdecken gibt. An jeder Ecke verstecken sich optionale Dungeons, wo Landmarken zu sehen sind, geht meistens auch etwas vor sich. Questline hält sich da ziemlich genau an die Rezeptur der Bethesda-Rollenspiele und macht das gut. Ohnehin ist Eigeninitiative gefragt, denn abseits der Hauptquests rennen die NPCs nicht mit Ausrufezeichen über dem Schädel herum. Es lohnt sich, Dokumente und Bücher zu lesen und mit NPCs zu reden, um das Questjournal aufzufüllen. Problematisch ist allerdings, dass die Wegfindung zu bestimmten Zielen nicht immer ganz durchschaubar ist und einen das Spiel oftmals in die Irre leitet.

Bei den Quests fällt zudem auf, dass ihr immer wieder vor Entscheidungen gestellt werdet, die den Verlauf der Story beeinflussen können. Ihr werdet dabei aber nicht in Fraktionen gezwängt, sondern bekommt die Konsequenzen anderweitig zu spüren, beispielsweise indem bestimmte Quests auf einmal nicht mehr lösbar oder NPCs nicht mehr verfügbar sind oder nicht mehr mit euch reden. Wer immer mal wieder redebereit ist, ist euer „Mitbewohner“ König Arthur, mit dem ihr am Lagerfeuer über wichtige Ereignisse plaudern könnt.

Natürlich wird in Tainted Grail auch gekämpft, was das Zeug hält – die Spielwelt ist überaus feindlich. Dank verschiedener Waffen und Skills habt ihr so einiges an Möglichkeiten, eure Gegner zu bezwingen und auch Stealth ist eine Option. Die wuchtigen Kämpfe gehen von relativ simpel bis hin zu brutal schwer, je nach Schwierigkeitsgrad. Blocken und Ausweichen sind essenziell, denn Feinde schlagen hart zu und bestrafen unvorsichtige Bewegungen. Vor allem bei Bossen müsst Angriffsmuster studieren, um im richtigen Moment zu kontern. Aber keine Sorge, Tainted Grail ist sicherlich kein Souls-Like.

Die Steuerung ist aber recht simpel gehalten mit normalem Schlag, schwerem Schlag, Parieren und Ausweichen. Ausdauer und Mana sind allerdings zu beachten – kloppe ihr eure Ausdauer bis zum letzten Fitzelchen weg, bleibt nichts mehr fürs Ausweichen übrig. Beides regeneriert sich aber relativ schnell, sodass das Tempo nicht aus den Kämpfen genommen wird. Über ein Radialmenü könnt ihr jederzeit Waffen wechseln, per Knopfdruck werft ihr Heiltränke, Manatränke oder Nahrung ein.

Natürlich wird auch geredet, und zwar viel. Die Dialoge sind enorm umfangreich, versorgen euch aber mit weiteren Hintergründen zu den Geschehnissen in den Gebieten. Die englische Vertonung ist über weite Strecken gut bis sehr gut, deutsche Sprachausgabe gibt es leider nicht. Dafür gibt es aber immerhin deutsche Menüs und Untertitel und die sind sogar sauber übersetzt. Schade: Die Inszenierung der Dialoge ist eher statisch und erinnert im negativen Sinne an Oblivion und Skyrim. Dafür versöhnen recht gut gemachte Zwischensequenzen und ein ungewöhnlicher, aber sehr passender und atmosphärischer Soundtrack.

Greift zu, wenn...

… ihr so richtig Lust habt auf Rollenspiele wie Skyrim oder Oblivion, Bock auf eine ungewöhnliche Story und eigenständiges Artdesign habt und euch nicht an altbackener Technik und einigen Bugs stört.

Spart es euch, wenn...

… ihr moderne Inszenierungen und High-End-Technik bevorzugt.

Fazit

Andreas Philipp - Portraitvon Andreas Philipp
Atmosphärisch und spielerisch starkes Action-Rollenspiel mit altbackener Technik

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir der Release von Tainted Grail: The Fall of Avalon beinah entgangen wäre. Glücklicherweise hat mich die Steam-Demo an das Rollenspiel erinnert – besser etwas zu spät als nie. Die Demo war zwar inhaltlich etwas lahm, hat bei mir aber irgendwie die richtigen Schalter gedrückt. Gut so, denn Tainted Grail hat mich dann doch sehr schnell gepackt und wohlige Erinnerungen an Titel wie Oblivion, Gothic oder Skyrim wachgerufen.

Das polnische Indie-Studio Questline hat mit diesem Titel eindrucksvoll bewiesen, dass es sein Handwerk versteht. Tainted Grail beinhaltet im Grunde alles, was man von einem Open-World-Rollenspiel erwarten darf – und das auch noch in ausgereifter Art und Weise. Es gibt eine spannende Spielwelt mit interessanter Story, tonnenweise Quests, ein sinnvolles und variables Charaktersystem, wuchtige Kämpfe, ein originelles Artdesign und Crafting – kurz: alles, was das Herz begehrt. Tainted Grail macht vieles sogar besser als die großen Vorbilder – und das mit deutlich weniger Aufwand. Die Anleihen bei großen Klassikern wie Skyrim oder Oblivion sind deutlich sichtbar – nicht nur aufgrund des Kerkerauftakts. Tatsächlich funktioniert vieles sogar besser als bei den Vorbildern. Tainted Grail ist somit eine Hommage und passt gleichzeitig in den aktuellen Trend, dass vergleichsweise kleine Studios durchaus in der Lage sind, mit moderatem Budget gute bis sehr gute Spiele zu entwickeln.

Dass es sich um einen Indie-Titel handelt, ist allerdings erkennbar. Die Technik und die Grafik sind sehr altbacken und könnten von einem Spiel stammen, das vor zehn oder fünfzehn Jahren erschienen ist. Das eigenwillige Artdesign kann das nur teilweise ausgleichen. Es gibt zudem noch einiges zu verbessern. Das meiste sind kleinere Bugs, aber wir hatten dann doch einen größeren Blocker, der uns über eine Stunde zurückgeworfen hat und im dritten Gebiet funktionierten auf einmal weder manuelle noch automatische Speicherung, was uns nochmals gut eine Stunde vergebliche Spielzeit gekostet hat. Wer sich also in das Abenteuer stürzen will, sollte häufig und regelmäßig speichern, um derartige Zeitverluste zu vermeiden. 

Wer schnörkellose Rollenspiele mag, sollte trotz einiger Bugs und Probleme mal einen intensiveren Blick riskieren. Mehr als 50 Stunden unterhaltsame Spielzeit für 44 Euro sind zudem ein gutes Angebot, auch wenn noch das eine oder andere Problem behoben werden muss. Zumal für August auch ein umfangreiches Content-Update geplant ist. Kaum auszudenken, was das talentierte Studio mit mehr Budget hätte anstellen können.

Überblick

Pro

  • interessante Variation der Artus-Saga
  • sehenswerte Spielwelt mit eigenständigem Art Design
  • einiges an Überraschungen
  • ausgefeiltes Charakter- und Skillsystem
  • wuchtige Kämpfe
  • seit dem Patch Wechsel zwischen First- und Third-Person möglich
  • gut vertonte Dialoge
  • Eigeninitiative ist gefragt, Spiel nimmt einen nicht immer bei der Hand
  • schöner Soundtrack

Contra

  • keine deutsche Sprachausgabe
  • kleine Macken und einige wenige gravierende Bugs
  • immense Loot-Flut
  • fummeliges Inventar
  • Wegfindung nicht immer überschaubar

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