Test - Endzone 2 : Test: mehr Anno, weniger Frostpunk. Finden wir gut
- PC
Fast ein Jahr lang kämpfte sich Endzone 2 durch den Early Access und die Spielergemeinschaft durch die postapokalyptische Zone. Jetzt ist der vielversprechende Survival-Aufbauer endlich fertig und geht mit Version 1.0 in den vollwertigen Release. Lohnt sich spätestens jetzt der Trip ins Mad-Max-Anno?
Mehr Anno, weniger hardcore
Ob der ständige Vergleich mit Anno die Entwickler von Endzone: A World Apart genervt hat? Immerhin hinkte der dann doch ziemlich. Das Aufbauspiel aus dem hessischen Wiesbaden war zwar auch Made in Germany, erinnerte mit seinem fordernden postapokalyptischen Setting aber mehr an Genrevertreter wie Banished und Frostpunk. Beim zweiten Teil wird nun aber offensichtlich, dass die Entwickler von Gentlymad Studios der Deklaration als Anno-Äquivalent wohl doch gar nicht so abgeneigt waren. Denn die Parallelen bei Endzone 2 sind diesmal viel, viel deutlicher.
Endzone: A World Apart war 2021 ein echter Überraschungshit. Der Mix aus wuseligem Siedlungsbau und bisweilen sehr schwerem Überlebenskampf gelang hervorragend und zog auch in unserem Endzone Test das Urteil als „perfekt durchdachtes Spiel“. Wie schon beim Vorgänger durchlief Teil 2 eine knapp einjährige Early-Access-Phase, die nun abgeschlossen wurde. Die größten Befürchtungen wurden aber bereits beim Early-Access-Beginn erstickt.
Endzone 2 war da schon wie nun zum Release technisch sehr sauber, was bei Veröffentlichungsmethoden dieser Art nicht immer selbstverständlich ist. Abstürze, Bugs oder Performanceprobleme sind quasi nicht vorhanden. Auch die deutsche Vertonung macht einen ordentlichen Eindruck. Nicht zuletzt hat das Entwicklerstudio optisch eine Menge auf die Beine gestellt.
Grafik auf Top-Niveau
Grafisch wie atmosphärisch spielt Endzone 2 fast schon auf Anno-Niveau mit: Das Ödland besticht nicht nur mit sehr stimmigen Landschaften, schicken Wasserspiegelungen und schönen Details, auch das Leben in der eigenen Siedlung gefällt mit schönen Animationen und einem detailverliebten Regen und Treiben, auch wenn abgesehen von den Produktionsbetrieben nicht allzu viel auf den Straßen los ist.
Das liegt aber auch vielleicht am nach wie vor knallharten Überlebenskampf, der da draußen herrscht. Denn auch wenn wir diesmal deutlich schmuckvollere Siedlungen bauen dürfen, heißt die oberste Priorität weiterhin: einfach nur irgendwie am Leben bleiben. Wie beim Vorgänger gilt es, in der durch einen Atomkrieg zerstörten Welt eine neue Zivilisation zu errichten und den herrschenden Bedingungen wie Dürre, Ressourcenmangel und der Strahlung zu trotzen. Die grundlegenden Herausforderungen haben sich also nicht geändert. Nur, wie wir diese bewältigen, da unterscheidet sich Endzone 2 klar vom ersten Teil.
Denn diesmal orientiert sich Gentlymad klar am großen Aufbauprimus Anno 1800. Besonders deutlich wird das gleich beim Spielstart. Setzte uns der Vorgänger da noch einfach irgendwo in der Zone aus, um an einem festen Platz unsere Siedlung zu bauen, starten wir jetzt lediglich mit einem kleinen Reisebus, dem Pathfinder. Beladen mit den nötigsten Rohstoffen und einigen Nomaden machen wir uns auf den Weg, um auf einer sehr großen Karte einen geeigneten Platz für unser neues Zuhause zu finden. Ganz wie in Anno also, wo wir mit einem Flaggschiff zu Wasser starten.
Und wie auch dort stehen uns hier zahlreiche Inseln auf der Karte zur Verfügung, aus denen wir wählen können. Nur dass die Inseln hier sogenannte Zonen sind. Die Praxis ist die gleiche. Wir bewegen uns zwischen den Inseln, beziehungsweise Zonen auf neutralem Gebiet und können dann an den spezifischen Orten Siedlungen und zwischen ihnen Warenrouten errichten. Jede Zone birgt dabei unterschiedliche Ressourcen, Fruchtbarkeiten und Herausforderungen. Die erste, die uns ins Auge springt, hat zum Beispiel keinerlei Wasser in Form von Seen und Teichen. Ist also wohl nicht die beste Wahl, um da eine ganze Stadt zu bauen …
Wasser ist neben Nahrung das wichtigste Grundbedürfnis unserer Siedler. Geld gibt es in der Postapokalypse nicht. Gebäude kosten folglich keinen Unterhalt, und um Bilanzen müssen wir uns auch keine Gedanken machen. Genug zu tun gibt es trotzdem. Denn auch, wenn wir die Versorgung von Wasser und Essen erst mal bewerkstelligt haben, kann sich das jederzeit ändern. Dürreperioden lassen je nach Schwierigkeitsgrad Wasserquellen und fruchtbaren Boden für eine lange Zeit austrocknen. Wer bis dahin nicht überprodruziert hat oder auf alternative Möglichkeiten zurückgreift, der dürfte sehr schnell den Game-Over-Bildschirm sehen.
Diese Spieldynamik erfordert schnelles Handeln und ständiges Umplanen beim Siedlungsbau. Wie beim Vorgänger ist vor allem das Handeln der Arbeitskräfte essenziell. Wieder stehen uns dabei nur begrenzt Fachkräfte zur Verfügung, die je nach Notlage umverteilt werden müssen. Bei einer Dürre etwa benötigen wir sicherlich keine Wasserträger - die hätten aus dem trockenen Loch, der mal unser See war, eh nix zu holen.
Deutlich einfacher als der Vorgänger
Gefühlt lässt sich die Verwaltung der Arbeitskräfte diesmal aber deutlich entspannter regulieren als noch in Endzone: A World Apart. Da hatten wir eigentlich immer einen akuten Mangel an Siedlern und nie genug, um die nötigsten Aufgaben zu meistern. In Endzone 2 lässt sich das eigentlich immer gut mit dem Bau neuer Unterkünfte regeln. Insgesamt stellt uns das Spiel jetzt einfach mehr Leute zur Verfügung.
Nach dem teils knallharten ersten Teil haben die Entwickler merkbar etwas am Schwierigkeitsgrad heruntergedreht. Simpel wird Endzone 2 dadurch trotzdem nie, nur verzeiht uns der Titel nun mehr Fehler und gibt uns mehr Raum zum Reagieren. Fehlt uns gerade eine Ressource, etwa, weil wir die in unserer Zone gar nicht ernten können, dürfen wir nun auch einfach den Pathfinder losschicken.
Denn in Endzone 2 sind wir mobil, können wie in Anno weitere Inseln (pardon, Zonen …) besiedeln und Handel betreiben. Aber auch zwischen den bebaubaren Zonen gibt es viel zu entdecken. In Ruinen etwa looten wir Schrott, Rohstoffe und Items oder entdecken sogar wichtige Vorkommen wie ein Klärwerk, das uns nach einer Aufgabe eine dauerhafte Wasserquelle an die Seite stellt.
Ein echtes Highlight bilden dabei die sogenannten Expeditionen. In größeren Ruinen warten nicht nur Loot, sondern auch größere Rätsel und Missionen. Der Clou: Beim Start einer Expedition pausiert Endzone 2 das eigentliche Spielgeschehen und versetzt uns in eine eigene, vom Hauptspiel abgetrennte Instanz. Dann steuern wir nur eine einzige Figur und bewegen uns mit der durch die verlassenen Ruinen, was durch die Stimmung und der Steuerung bisweilen sehr an die alten Fallout-Titel erinnert.
In solchen Szenen wird Endzone 2 gar kurz zum Adventure und Rollenspiel. Kleine Rätsel und Kopfnüsse müssen geknackt werden, um Ziele, meist in Form von wertvoller Ausrüstung und – besonders wichtig – Wissenspunkten zu gelangen. Nach den ersten Expeditionen fürchteten wir, dass sich diese kleine Spielerei zu schnell wiederholt und abnutzt, doch tatsächlich machen sie immer wieder Spaß und verlieren kaum an Reiz.
Gewusst wie!
Die Wissenspunkte benötigen wir für die Forschung, die nach dem ersten Teil stark überarbeitet wurde. Dort spielte sie erst sehr spät eine Rolle, benötigte die Ausbildung von Forschern und betraf auch nur die Weiterentwicklung bestehender Technologien. Jetzt jedoch ist Forschung von Sekunde eins ein grundlegender Bestandteil des Siedlungsbaus, denn elementar wichtige Gebäude werden so erst überhaupt freigeschaltet. Eine Köhlerei? Ein Auffangbecken, um Regenwasser zu sammeln? Eine Schule? Eine Erzmine? Gibt es ohne Forschung erst gar nicht.
Ein paar Funktionen hätten ruhig auch schon früher ins Spiel implementiert sein können, Endzone 2 gibt sich teilweise arg knausrig mit seinem Startangebot. Insgesamt macht das Forschungssystem jedoch deutlich mehr Spaß als im Vorgänger. Außerdem können zum Start einer Partie bereits Forschungspunkte vergeben werden, wenn man denn möchte.
Überhaupt lässt sich sehr viel einstellen, um die nächste Runde nach den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Die Häufigkeit und Länge von Dürren, die Auswahl der Karte, das Auftreten von Raidern sind da nur einige Beispiele. Raider? Ja, es gibt feindliche Plünderer, die die Karten unsicher machen und nur unsere Bewaffnung der Fahrzeugflotte als Sprache verstehen. Quasi die Piraten aus Anno. Eine Neuerung übrigens, die erst später im Laufe des Early-Access dazukam. Zu Beginn herrschte auf den Endzone-Karten noch Waffenruhe.
Was wir noch vermissen
Abgesehen von einem Händler war es das aber mit NPC-Charakteren. Die verfügbaren Zonen nimmt uns also keiner weg. Eigentlich schade, mehr Interaktion, Diplomatie oder gar Krieg wie in einer Skirmish-Partie hätten hier gut reingepasst, ebenso wie eine Story-Kampagne. Gentlymad verzichtet erneut komplett auf diese. Im späteren Early-Access kamen jedoch immerhin Siegbedingungen hinzu, die aus einer Endlospartie ein eben an ein Ziel geknüpftes Szenario formt.
Ebenso nicht vorhanden: ein Mehrspielermodus, obwohl auch dieser gut ins neue Zonensystem integriert werden könnte. Endzone 2 verpasst also im Gesamtpaket noch einige Chancen. Tut das den eigentlichen Stärken weh? Mitnichten. In seinem Kern ragt Endzone 2 richtig heraus und das sind nun mal Einzelspieler-Endlospartien, die diesmal vor allem einen viel höheren Wiederspielwert als im ersten Teil auffahren, da eben jede Zone ihre ganz eigene Herausforderung birgt.
Greift zu, wenn...… ihr nach einer richtig guten Alternative zu Anno sucht.
Spart es euch, wenn...… eine Kampagne für euch Pflicht ist.


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