Test - Eriksholm: The Stolen Dream : Test: Bildschönes Stealth-Abenteuer
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Als ich den ersten Trailer zu Eriksholm: The Stolen Dream gesehen habe, kamen gleich gewisse Commandos-Vibes auf. Stealth und Taktik mit Story? Klingt gut. Der Vergleich zu den Taktik-Klassikern hinkt allerdings gewaltig. Eriksholm entpuppt sich als eher lineares, erzählerisches und bildschön gestaltetes Stealth-Adventure und gar nicht als Taktik-Sandbox, in der kreative Lösungsansätze gefragt sind.
Moment mal, erst eine makellose Cutscene als Intro, danach husche ich durch Lüftungsschächte, im Schatten an Wachen vorbei und schalte Gegner mit einem Blasrohr mit Betäubungspfeilen aus? Kein Erdrosseln? Keine Messer? Keine Schalldämpfer? Oh, stimmt ja, wir steuern ein junges Mädel, kaum aus dem Teenageralter heraus. Und nicht nur das ist anders als bei bekannten Taktikspielen.
Eriksholm: The Stolen Dream spielt in – Trommelwirbel – Eriksholm, einer fiktiven skandinavischen Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr übernehmt zunächst die Rolle der jungen Hanna, die sich in ihren Stadtvierteln bestens auskennt. Während Hanna sich von einer Krankheit erholt, kümmert sich ihr Bruder Herman um die Arbeit in den Minen. Doch eines Tages kommt Herman nicht nach Hause, stattdessen stehen überaus unfreundliche Polizeikräfte vor Hannas Tür.
Da das Verhalten der Polizisten überaus nachdrücklich ist und Hanna ihren Bruder schützen will, auch wenn sie gar nicht so recht weiß, warum er in den Fokus der Gesetzeshüter geraten ist, nimmt sie Reißaus und flüchtet. Die Suche nach ihrem Bruder und die Aufklärung der Hintergründe, warum er verfolgt wird, bilden fortan den Handlungskern des Spiels, das spielerisch zunehmend komplexer wird, auch dank der Tatsache, dass sich nach und nach mit Alva und Sebastian zwei weitere Charaktere zu Hanna gesellen.
Was direkt auffällt ist, wie enorm schön das Spiel gestaltet ist. Das kleine Team aus Gothenburg in Schweden, lediglich 18 Mitarbeiter laut Website, hat wenige, aber dafür umso schönere Zwischensequenzen ins Spiel gebracht, die vor allem mit toller Mimik und Gestik beeindrucken. Auch die Spielumgebungen sind mit ungemein viel Liebe zum Detail gestaltet, sehr stilecht und eigenständig. Es ist allein schon ein Genuss, die Umgebungen von Eriksholm zu erkunden. Genutzt wurde die Unreal Engine 5, deren Tools wie MetaHuman-Technologie und Lumen-Lighting dem kleinen Team die Möglichkeit gaben, hohe visuelle Qualität ohne mächtige Manpower abzuliefern.
Allzu viele Freiheiten werden euch freilich nicht gelassen. Wie gesagt, Eriksholm ist keine offene Taktik-Sandbox a la Commandos, sondern eigentlich eher ein lineares Stealth-Adventure, mehr Rätselkost als Strategie, aber dennoch Stealth pur. Zwar bekommt ihr einige Werkzeuge und individuelle Fertigkeiten der Charaktere in die Hand gelegt, aber nicht unbedingt, um kreativ taktisch zu agieren, sondern eher um situative Rätsel zu lösen und den richtigen Weg zu finden. Prinzipiell müsst ihr also herausfinden, was die Entwickler von euch wollen, wenn es beispielsweise gilt, den Hof eines Lagerhauses zu durchqueren, der parallel von Polizisten durchsucht wird.
Dabei gilt es, Objekte zu manipulieren, versteckte Wege zu finden, Bewegungsmuster zu erkennen, Gegner abzulenken und teilweise auch einiges an Geduld aufzubringen, um einfach mal entschleunigt abzuwarten. Fehler werden sofort bestraft, erfreulicherweise aber so, dass es nie frustrierend wird, sondern Ausprobieren zur Lösung beiträgt. Werdet ihr oder beispielsweise der Körper eines per Blasrohr betäubten und dann versteckten Polizisten entdeckt, dürfte ihr beim letzten Checkpoint neu starten. Die Checkpoints sind sehr fair gesetzt, sodass ihr nie längere Passagen wiederholen müsst, sondern nur den jeweiligen Abschnitt. Im Grunde also ziemlich chillig mit ein bisschen Trial & Error.
Mit zunehmenden Tools und Charakteren werden die Aufgaben natürlich anspruchsvoller. Hanna kann beispielsweise durch Lüftungsschächte krabbeln und mit dem Blasrohr ihre Gegner betäuben. Alva verfügt über eine Schleuder und kann hervorragend klettern und Sebastian ist der Schwimmer im Trio und kann Gegner im Nahkampf lautlos ausschalten. Das ist nicht viel, aber dank des Leveldesigns und Zusammenspiels der Charaktere völlig ausreichend.
Wer das Spiel noch etwas spannender gestalten möchte, kann sich der Suche nach Notizen und Sammelobjekten widmen, die überall in den Umgebungen mehr oder weniger versteckt sind. Das hat zudem den Vorteil, dass eben jene Notizen euch weitere Details über Eriksholm, das Leben in der Stadt und deren Bewohner verraten, was durchaus lohnend ist für das Gesamterlebnis. Zudem könnt ihr die Spieldauer damit noch etwas strecken. Eriksholm ist kein Umfangmonster, wenn ihr euch rein auf die Story konzentriert, solltet ihr nach zehn bis zwölf Stunden durch sein, plus weitere zwei bis drei Stunden für die optionalen Objekte.
Die Steuerung ist recht intuitiv und zudem kontextsensitiv gestaltet, sodass das Spiel in seiner Iso-Perspektive beinah völlig ohne Interface auskommt. Klettern oder springen geht nur, wo es das Spiel euch auch erlaubt. Interaktionen werden euch angezeigt, wenn ihr euch einem Objekt oder einer Person nähert. Recht ähnlich sieht es bei der Benutzung von Fertigkeiten oder Tools aus. Eriksholm ist nicht übermäßig komplex, aber sinnvoll und nutzerfreundlich gestaltet. Abgesehen davon allerdings, dass die Vertonung lediglich auf Englisch vorhanden ist. Untertitel und Menüs sind aber mehrsprachig, also keine Sorge.
Die Story rund um Hanna und ihren Bruder ist übrigens fein erzählt, die Vertonung vor allem der Hauptfiguren ist makellos gut gelungen. Vor allem in der ersten Hälfte macht die Geschichte richtig Laune, gerade auch dadurch, dass man sehr fein die Verbindung der Charaktere zu der Stadt spürt, beispielsweise indem NPCs auf euch reagieren. Die Story fällt für meinen Geschmack in der zweiten Hälfte etwas ab (keine Sorge, bleibt immer noch auf hohem Niveau), dafür legt der Titel dann spielerisch etwas zu, weil immer wieder neue Elemente und Situationen eingebracht werden und das Leveldesign extrem gut durchdacht ist.
Greift zu, wenn...… ihr Lust auf ein eher entspanntes, bildhübsches und gut erzähltes Stealth-Abenteuer habt, das zuweilen eher an klassische Adventures als an Taktikspiele erinnert.
Spart es euch, wenn...… ihr eine beinharte Taktik-Sandbox wie in Commandos oder Desperados erwartet.



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